Hast du dich schon mal selbst geschmeckt?

Ich behaupte, die sexuelle Freiheit, die uns durch die Gesellschaft suggeriert wird, ist oberflächlich und hat nichts mit der Realität zu tun. Wir sind laufend und von allen Seiten sexuellen Reizen ausgeliefert. Sex ist allgegenwärtig und Dank Tinder & Co auch einfach zu haben. Und was ständig verfügbar ist – das ist nichts wert.

 

Aber Sex und richtig guter Sex, das sind für mich zwei unterschiedliche paar Schuhe. Für mich geht es nicht um den Orgasmus, nicht um die rein körperliche Betätigung (ok, manchmal schon…), sondern um eine tiefe Verbindung, die zwei Menschen, egal welchen Geschlechts, miteinander eingehen. Das muss keine langfristige Beziehung sein, das kann schon auch bei One Night Stands der Fall sein. Aber Sex am laufenden Band? Das ist nicht, was ich will.

 

Manchmal will ich harten, rohen Sex ohne viel Rumgespiele. Und dann wieder sehne ich mich nach zärtlichen Berührungen, nach Innigkeit und nach Wärme. Was guter Sex für dich ist musst du selbst erst erfahren. Diese Erkenntnis kommt allerdings nicht mit der Anzahl der Sexpartner_innen, sondern mit den Erfahrungen, die du mit dir selbst machst.

 

Schon klar, die Männer haben uns Frauen im Lauf der Zeit immer wieder gezeigt, wie Sex ohne Gefühl geht, aber wir müssen ja nicht alles um jeden Preis in die Waage bringen, nur um zu zeigen, wie gleichberechtigt wir 2019 sind. Wie läuft es denn heutzutage oftmals ab? Wir öffnen eine App, wischen zweimal in die eine Richtung, dreimal in die andere Richtung. Ein Treffen, ein Drink, zu mir oder zu dir? Richtig guter Sex hingegen dauert länger. Sowohl in der Anbahnungs- als auch in der Umsetzungsphase. Denn um richtig guten Sex zu haben müssen wir uns zuerst einmal selbst kennen und annehmen. Die Medien bespielen uns mit Sex von allen Seiten. Manche Frauen leiden daher unter Reizüberflutung und schalten im besten Fall einen Gang zurück. Zeit mit uns selbst zu verbringen ist ein Luxus, den sich die wenigsten gönnen. Dabei empfinde ich diese Zeit als extrem wertvoll. Wann hattest du das letzte Mal eine ganze Stunde für dich alleine? Ohne Internet? Ich date mich regelmäßig selbst und nutze die Zeit mit mir um mich kennenzulernen. Nicht jede Berührung fühlt sich immer gleich an. Das kommt auf die Tagesverfassung an und wie weit mein Zyklus vorangeschritten ist.

 

Und wie gut kennst du deinen Körper? Beobachtest du Veränderungen und nimmst wahr, was mit dir vorgeht?

 

In meiner Tätigkeit als Paar- und Sexualberaterin spreche ich unter anderem mit Frauen, die sich selbst am Weg des Lebens verloren haben. Frauen, die kein Körpergefühl haben, sich selbst nicht mögen, mit ihrem Aussehen nicht zu Recht kommen und Frauen, die sich selbst nicht kennen. Wie ein Penis aussieht, das weiß frau, wie eine Vulva – ja nicht mal die eigene (!) – aussieht: keine Ahnung. „Das da unten“ ist schmutzig, es riecht seltsam und überhaupt ist das alles irgendwie unheimlich, manchmal sogar ekelig. Meine Empfehlung in diesem Fall: Her mit dem Spiegel und den Fingern. Betrachte deine Vulva von allen Winkeln, ziehe die Schamlippen auseinander, berühre den Kitzler. Hast du dich schon mal selbst geschmeckt? Wenn ja, gratuliere ich dir zu dieser Erfahrung! Wenn nein, dann wird es Zeit. Die Vulva ist etwas einzigartiges, sowohl ihr Aussehen, als auch ihr Geruch und ihr Geschmack sind so individuell wie jede von uns. Viele von uns sind aufgewachsen mit dem Wort Scham. Doch wofür schämen wir uns? Für unsere Schamlippen? Niemals! Kleine Mädchen, die entwicklungsbedingt bereits im Kindergartenalter damit beginnen, sich zwischen die Beine zu greifen, bekommen zu hören: „Das ist schmutzig, geh dir die Hände waschen! Das tut man nicht!“ Dabei wäre es besser, sie vorher Hände waschen zu lassen und sie dabei zu ermutigen, sich selbst in einem geschützten Raum, kennenzulernen. So lernen Mädchen, ihren eigenen Körper zu lieben und damit sorgsam umzugehen.

 

Die Frage ist, wie wir ein ausgeglichenes Körpergefühl erreichen können. Sexualpädagogik für Kinder wäre diesbezüglich ein guter Anfang, die Auswahl der Anbieter sollte aber weise getroffen werden. Für Frauen jenseits der Pubertät ist es essentiell, sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Nur dadurch lernt frau sich kennen. Weiß frau nämlich selbst, was sie möchte, dann kann sie es auch der/dem Gegenüber besser vermitteln. Wichtig ist es, die Bedürfnisse und Wünsche zu kommunizieren. Der/die andere kann nicht erraten, was gewünscht wird. Zwischen den Zeilen lesen ist etwas, das meist schief geht. Wie oft habe ich mich danach geärgert darüber, dass ich nicht klar gezeigt habe, was mir gefällt. Mittlerweile fällt es mir leicht, seine Hand zu nehmen und sie an die Brust zu schieben, oder die Schamlippen mit den eigenen Fingern zu spreizen während er mich leckt. Klare Ansagen, Mädels! Und ganz ehrlich:

 

Mein Leben ist zu kurz für schlechten Sex.

 

Viva La Vulva Gastautorin
Alexandra Gutmannsthal-Krizanits

Alexandra ist Lebens- und Sozialberaterin mit eigener Praxis in Niederösterreich. Als Schwerpunkt hat sie Paar-und Sexualberatung gewählt und bietet themenspezifische Diskussionsabende für Frauen unter dem Titel “Dirty Talk” an. Die nächsten Termine findest du unter www.gutberaten.cc

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