Mehr als mein Aussehen!

Wieso du dir deine Meinung über mein Äußeres sparen kannst.

Sekretär*innen, Assistent*innen und Büromitarbeiter*innen – ich war auch eine bzw. bin ich es noch immer. Für drei Jahre sogar in der Wiener Politik. Was mir von zwei Wiener Politmännern als „Hey, wir wollen dich bei uns im Team haben und dich aufbauen, damit du bei uns eine Führungskraft wirst!“ verkauft wurde, war im Endeffekt eine Ganztagesbetreuung von Befindlichkeiten und Lebensorganisation anderer – aber das ist ein anderes Thema (oder ich war damals einfach nur naiv, um ihre Worte als wahr anzunehmen).


„Meine“ Herren, für die ich arbeitete, waren vergleichsweise jung (unter 40), dynamisch, sportlich, modern, intelligent, ließen sich gerne über andere hinterrücks aus und waren sexistisch. Obwohl aufgeklärt und „Frauenquote ist wichtig!“ und „Wir wollen mehr junge Frauen fördern!“, hörte ich sie oft über Frauen im Umfeld diskutieren: „Sie kann ihr Gesicht zwar zeigen, ist aber ein rollendes Fass“ oder „Sie ist zwar hübsch, aber diese Nase ist einfach ein riesiger Zinken bei dem man, wie bei einem Autounfall nicht wegschauen kann“. Bei Ausbildungsprogrammen oder Funktionspostenverteilungen war es das gleiche Spiel – „sowieso 50 % Frauenanteil“ und nach Vitamin B und Empfehlungen von xy kam das Argument des Äußeren, wer dabei ist und wer nicht. Bei einigen dieser Gespräche war ich als Zuhörerin dabei. Sagte ich was? Nein, ich schwieg. Was sollte ich sagen? Mit ihnen diskutieren? Sie „belehren“? Ich schwieg und „ignorierte“ die Kommentare. Und meine Wut staute sich an.



Meine #BistDuDeppert-Momente am Arbeitsplatz, die ich mir selbst auf meine Person bezogen anhören durfte:

  • „Wow! Du siehst aber heute gut aus! Sehr fesch!“
  • „Oje, du siehst aber heute gar nicht gut aus! Bist du krank?“ (mit Periodenschmerzen in der Arbeit)
  • „Ist die Hose nicht bisserl zu kurz?“ (Hochsommer, keine Termine an dem Tag – ist ja nicht so, als ob ich mit einem Outfit à la „Showgirls“ aufkreuzen würde)
  • „So was kannst du doch nicht anziehen! Da kann ich mich ja nicht konzentrieren!“
  • „Also wenn dich unsere Funktionäre in diesem sexy Outfit sehen, dann bekommen sie einen Herzinfarkt und wir verlieren sie als Mitglieder!“
  • „Jede Woche holt dich ja ein anderer Kerl ab! Du hast aber einen Männerverschleiß!“ (selbst, WENN das so wäre – why slutshaming?!)


Diese drei Punkte stehen für meine Sprachlosigkeit, für meinen Knoten im Hals, für meine Wut und für meine Fassungslosigkeit. Thank you for sharing – NOT!



Selbst jetzt, ein paar Jahre später, lassen mich diese Kommentare nicht kalt, wenn ich sie mir in Erinnerung rufe, sie hier niederschreibe und lese. Wie kommt dieser Typ/wie kommen diese Typen dazu, mir solche Dinge zu sagen?! Mit welchem Sinn und Zweck?! Komplimente?! Ist es ein Kompliment, wenn ich mich danach unangenehm berührt fühle?! Mit Worten?! Ist mein Arbeitsplatz der Ort, an dem mir so etwas gesagt werden darf?!



„Lass sie reden – so sind die Männer nun mal!“ – der Rat, den ich von Kolleginnen bekam, als ich mich beschwerte…



Nein! Ich WILL NICHT, dass jemand so mit mir spricht! Wie kann sich jemand erlauben, auf diese Art und Weise, mich auf mein Äußeres oder auf mein Datingleben reduzierend, mit mir zu sprechen und mir ein Label aufzudrücken?! Sexy – nicht sexy, Männerverschleiß – graue Maus. Am Arbeitsplatz?! Ist das „normal“?! Denn „normal“ oder „in Ordnung“ fühlte sich das für mich nicht an …



Und dann die Professorin auf der Uni. Professorin. Eine Frau. Eine Frau, so wie ich.


Ich habe mir meinen Feedbackbogen zu einem von mir gehaltenen Referat aus einer Lehrveranstaltung auf der Uni sogar ausgedruckt, weil ich nicht glauben konnte, dass eine Dozentin auf der Universität Folgendes als Feedback zu einem Referat von Studentinnen gibt (Zitat):



Zu sexy angezogen, Aufmerksamkeit wird auf den Körper gelenkt! Das ist ungünstig. Es geht ja um die Inhalte!



… Ad „zu sexy angezogen“ und sich vielleicht jemand wundert, was ich „perverses“ angehabt habe: ein schwarzes bodenlanges Kleid, ein weißes hochgeschlossenes weites T-Shirt darunter, eine schwarze blickdichte Strumpfhose und schwarze knöchelhohe Winterboots mit dickem Absatz, weil Regen und nasse Straßen. Das passierte auf der Universität, einer Hochschule mit angeblich aufgeklärten Menschen – und dann solche „Feedbacks“? Dieses Seminar besuchte ich danach nicht mehr. Ich will mir nicht mein Leben lang sagen lassen, dass ich „zu sexy sei“ oder mir Bewertungen über mein Äußeres anhören. Sorry, not sorry! Ist es nicht möglich, in einer Welt zu leben, wo solche Meldungen überhaupt erst nicht getätigt werden?! Und nachdem ich bei keiner Modelshow mitmache, sehe ich auch nicht ein, wieso jeder sich als Juror fühlt und mir eine Wertung zu meinem Look abgibt.


Heute habe ich kein Foto für dich! Thanks for NOT sharing!


Also falls jemand von euch demnächst das große Bedürfnis hat, seine*ihre Meinung über das Äußere eines anderen Menschen zu teilen, dann behält eure Meinung für euch – vor allem dann, wenn keiner danach gefragt hat! Bitte, danke!

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