Jungfräulichkeit – Über ein patriarchales Konstrukt

Der Mythos von Jungfräulichkeit als höchstes Gut der Frau scheint in Österreich längst pas­sé zu sein. Junge Frauen* wollen selbstbestimmt entscheiden und nicht als Beute oder Trophäe behandelt werden. Trotzdem erleben wir heute einen Trend in Richtung „Neovirginismus.“ Der Neovirginismus ist die Wiederentdeckung eines uralten patriarchalen Konstrukts, welches das Ideal der unschuldigen und unberührten Frau wieder salonfähig macht.

 

Um die misogyne und chauvinistische Absicht zu kaschieren, wird die Jungfräulichkeit heute in einem pesudo-modernen und sogar vorgeblich selbstbestimmten Schleier vermarktet. Purity Bälle (Reinheits- oder Keuschheitsbälle) sind in den streng konservativen Staaten im mittleren Westen und Süden der USA heute keine Seltenheit. In großen geschmückten Festsälen finden sich Väter mit ihren in Ballkleidern herausgeputzten Töchtern ein und Mädchen schwören ihren Vätern Jungfrau zu bleiben, bis sie heiraten. Auch Organisationen wie „The Silver Ring Thing“, die Purity- oder Chastity-Ringe bewerben, verbreiten ihre Keuschheitspropaganda mittels energiegeladener Musik, Sound im Club-Stil, Musikvideos und Sketch-Comedy.

 

Fotograf David Magnusson dokumentiert in seinen Bildern Väter und Töchter, die das Gelübde ablegen. Die Zeremonie auf den Purity Bällen erinnert stark an eine Hochzeit, nur das es sich hier um Väter und ihre minderjährigen Töchter handelt …

Quelle: Huffpost.com

 

Disclaimer: Obwohl in diesem Beitrag oft von Frauen die Rede ist, ist es wichtig zu erwähnen: Nicht nur Frauen haben eine Vulva bzw. Vagina und nicht alle Frauen haben eine Vulva bzw. Vagina. Auch nicht binäre oder trans Personen können eine Vulva bzw. Vagina haben.

 

Jungfräulichkeitstest – Übergriff und Schikane

Wer jetzt immer noch an der Rückkehr veralteter und frauenfeindlicher Wertekonstrukte zweifelt, möge sich an folgende Ereignisse erinnern, die erst wenige Wochen zurückliegen. Durch ein Interview in einem Podcast wurde bekannt, dass der Rapper T.I. seine Tochter zu jährlichen Jungfräulichkeitstests zwingt. Demnach klebe er seit ihrem 16. Geburtstag am Tag nach ihren Geburtstagsfeiern, einen Zettel mit dem Termin beim Gynäkologen an ihre Zimmertür.

 

Ohne den Hintergrund zu kennen, könnte man fast meinen, dass es positiv oder gar fortschrittlich ist, dass es für T.I. auch zu seiner Rolle als Vater gehört, sich um die Gesundheit seiner Tochter zu kümmern. Leider falsch gedacht! Er verlangt nämlich einen schriftlichen Bescheid darüber, dass seine (volljährige!) Tochter noch Jungfrau ist.

 

Ja, richtig gehört, ein schriftlicher Bescheid, in Zeiten in denen sowohl WHO als auch UN bestätigen, dass es keine wissenschaftliche Grundlage für Jungfräulichkeitstests gibt und keine Untersuchung, die beweisen kann, ob ein Mädchen oder eine Frau Sex hatte.¹

 

Wie kann es also sein, dass obwohl man heute weiß, dass das sogenannte Jungfernhäutchen nichts über die sexuelle Unberührtheit aussagt, sich der Mythos rund um den „biologischen Keuschheitsgürtel“ hartnäckig in unserer Gesellschaft hält und bis heute sogar aktiv verbreitet wird?

Ein Gütesiegel für “gute Frauen”

In der Mär vom weiblichen Symbol für Jungfräulichkeit, wird das Jungfernhäutchen als eine Art Siegel beschrieben, welches beim ersten Geschlechtsverkehr reißt. Eine Art straff gespannte, natürliche Frischaltefolie, wie sie sonst nur auf Produkten im Supermarkt zu finden ist. Die Metapher ist ein Sinnbild dafür, wie Frauen* in unserer Gesellschaft als Objekte und weibliche* Sexualität als Handelsware gesehen werden.

 

Dass das erste Mal für Frauen* und Mädchen immer mit Schmerzen und Blut verbunden ist, ist in dieser Erzählung das natürlichste der Welt. Mancherorts wird sogar das Bettlaken nach dem erstem ehelichen Verkehr nach Blutspuren untersucht um sicherzugehen, dass die Frau unberührt war.

 

In Wirklichkeit existiert aber das Jungfernhäutchen in dieser Form nicht. Es handelt sich beim sogenannten „Hymen“ nämlich nicht um eine stramme Haut, sondern lediglich um eine Schleimhautfaltenansammlung. Diese Schleimhäute sind ringförmig angeordnet und befinden sich ein bis zwei Zentimeter tief in der Vagina. Das Hymen deckt die Vagina nicht ganz ab und verschließt sie keineswegs. Wäre dem so, müsste sich Frau* dringend medizinisch behandeln lassen, weil sonst zum Beispiel das Menstruationsblut nicht abfließen könnte. Es ist also ein Irrglaube, dass beim ersten Mal unbedingt Blut fließen muss. In der Tat bluten übrigens nicht einmal die Hälfte aller Frauen beim ersten Mal. Fließt beim ersten Mal doch Blut, handelt es sich meist um eine Verletzung.²

 

Das Hymen ist bei jeder Frau* anders geformt und flexibel. Dass das Jungfernhäutchen durch die Benützung von Tampons, beim Fahrradfahren oder beim Sport zerreißen könnte, ist nicht mehr als eine Legende.

 

Fakt ist, dass das Hymen sogar nach einer Geburt noch genauso aussehen kann wie zuvor. Deshalb können weder Ärzte*innen noch sonst jemand am Aussehen des Hymens mit eindeutiger Sicherheit feststellen, ob jemand noch Jungfrau ist oder nicht.

Purity Culture – Ein Produkt des Patriarchats

Aber woher kommt die wiederauferstandene Fixierung auf weibliche Jungfräulichkeit? Das ungeschriebene Gesetz, dass Männer vor der Ehe Erfahrungen sammeln sollen, während von der Frau Unschuld und Unberührtheit verlangt wird?

 

Nach dem Shitstorm, den T.I. mit den Jungfräulichkeitstests an seiner Tochter ausgelöst hat, versucht sich der Rapper zu rechtfertigen, in dem er meint, er wäre froh, dass sein Sohn (15) schon sexuell aktiv sei. Warum er sich über die sexuelle Aktivität seines Sohnes freut, diese seiner volljährigen Tochter aber verbietet, fragt man sich zurecht.³

 

Oder auch nicht. Denn schließlich gibt es ja auch keine Purity Balls, bei denen Jungs ihrer Mutter die Treue schwören. You silly!

 

In unserer misogynen Kultur scheint es selbstverständlich, dass Frauen*körper und weibliche* Sexualität von Männern kontrolliert werden. Anspruchs- und Besitzdenken steht hier im Vordergrund.

 

Fakt ist, Jungfräulichkeit ist ein soziales Konstrukt, das Tief im Patriarchat verwurzelt ist. Die Botschaft ist heute zwar verschleiert aber immer noch eindeutig: Der weibliche* Körper gehört den Männern. Zuerst dem Vater, dann dem Ehemann. („Alles andere wäre unnatürlich.“) Wer meint, das wäre überspitzt, muss sich nur erinnern, wie bei vielen Hochzeiten der Vater die Braut zum Altar führt und an den Bräutigam übergibt. Wichtig in diesem Szenario: Die Braut bleibt passiv. Sie schreitet nicht zum Altar. Sie wird geführt und übergeben.

 

Ein weiterer Punkt, der in diesem Kontext erwähnt werden muss ist, dass oft davon gesprochen wird, wie Jungfräulichkeit an Männer verschenkt wird oder von ihnen genommen wird. Entjungferung ist daher mit vaginaler Penetration gleichgesetzt, als ob dies die einzige Art von Sex wäre.

Vaginale Korona – Sprache und Realität

In Schweden spricht man übrigens nur noch über die „vaginale Korona“ (griechisch für Kranz, Ring oder Krone). Ein Begriff, den man auch im Deutschen übernehmen sollte, da der Begriff Jungfernhäutchen nicht nur irreführend sondern eindeutig misogyn ist. Sprache schafft Realität und beeinflusst wie wir denken. Die »Schwedische Vereinigung für aufgeklärte Sexualerziehung (Riksförbundet För Sexuell Upplysing – RFSU) äußert sich deshalb in dieser Thematik wie folgt:

 

Der mythische Status des Jungfernhäutchens hat viel zu lange viel zu viel Unheil angerichtet. Dabei gibt es überhaupt keine Haut, die anzeigt, ob eine Frau Jungfrau ist oder nicht. Wir wollen Informationen darüber verbreiten, wie der Körper wirklich funktioniert, und dafür benötigen wir eine Sprache, in der das auch kommunizierbar ist.

 

Daran könnte man sich auch in Österreich ein Beispiel nehmen, denn hierzulande wird nicht überwiegend der Begriff Jungfernhäutchen verwendet, sondern es werden auch immer noch Operationen zu dessen vermeintlicher Wiederherstellung legal angeboten.

 

¹ https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/275451/WHO-RHR-18.15-eng.pdf?ua=1

² https://www.emma.de/artikel/vaginale-corona-der-mythos-jungfernhaeutchen-265102

³ https://noizz.de/news/jungfernhautchen-skandal-um-rapper-ti-tochter-entfolgt-ihm-auf-social-media/bjb719z
https://www.monda-magazin.de/body-and-soul/mythos-jungfernhaeutchen-keine-jungfraeulichkeit
In einigen Kulturkreisen sorgt die Vorstellung nach der Hochzeitsnacht kein blutiges Laken vorzeigen zu können, für wahrhaftige Dramen. Um den Mythos aufrechtzuerhalten, aber auch um Schande und Verstoßenwerden abzuwenden, unterziehen sich Frauen einer operativen Hymen-Rekonstruktion oder führen sich vor dem ersten ehelichen Geschlechtsverkehr ein künstliches Junfernhäutchen aus Zellulose mit Echtblutimitat ein. Obwohl Hymen-Rekonstruktionen ethisch höchst umstritten sind, werden sie auch in Österreich weiterhin angeboten. Während Ärzt*innen, die diese Operationen durchführen richtigerweise Anmerken, dass es hier in vielen Fällen sogar um Leben und Tot geht, schlagen sie aus der Not der Betroffenen dennoch Profit. Die Operation dauert etwa 20 Minuten und kostet bis zu 4 000 Euro.

 

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