Gastbeitrag

Ausstellung: #letssmashthepatriarchy // Julia Bugram

In der Ausstellung #letssmashthepatriarchy von Julia Bugram zeigt die Künstlerin Auszüge aus ihren zwei großen Werkzyklen “Sexualisierung & Selbstbestimmung” & “Verbindlichkeiten“, mit denen sie sich in den letzten Monaten beschäftigte. Bugrams Werke und Projekte suchen den Diskurs mit dem Publikum und stellen gesellschaftliche uns patriarchale Gegebenheiten in Frage. Ihr künstlerischer Schwerpunkt liegt in der Druckgrafik und Zeichnung. Die zahlreichen und differierenden Sujets zeigen eine intensive Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Themenkomplex.

Dem Male Gaze den Spiegel vorhalten

Die großformatige Zeichnung „alles was du sehen willst…“ ist eine kunsthistorische Referenz auf die unzähligen Frauendarstellungen, die üblicherweise von alten Meistern – Männern – gemalt wurden und einen klassischen male gaze einnehmen.

In der Geschichte der Kunst wird die Frau frontal, meist hilflos oder fast ohnmächtig als Objekt der Begierde dargestellt. Bugram verkehrt diesen Blick ganz bewusst, befreit den Körper aus dem archaischen Diskurs und holt diesen mit der eindeutigen Geste des Einspruchs – dem hochgestreckten Mittelfinger die Porträtierten – in unsere Zeit.

Das Widerstandszeichen sagt klar, dass es nicht egal ist, wie wir Frauen* betrachten. Die Geste soll aufwecken.

Was willst Du sehen?

Das Pendant „…oder nie überdenken wolltest“ lässt den weiblichen Körper durch eine schriftliche Verdichtung der Fragen „Ist es das was du sehen willst? Ist es das was du siehst?“ erahnen. Es sind hier inhaltliche Inputs, Denkanstöße, die den Betrachtenden entgegengebracht werden. Diese laden dazu ein, die menschliche Wahrnehmung zu hinterfragen, denn oft sehen wir nur Dinge, die wir auch sehen wollen. Oder auf die Art und Weise wie wir es im Zuge unserer Sozialisierung erlernt haben – ohne diese Muster zu hinterfragen.

Die Serie „It’s a match and it’s going to be grand” spielt auf Datingapps, wie zum Beispiel Tinder, an. Die Benachrichtigung „It’s a match“ erscheint am Display, sobald sich eben der oder die vermeintlich Richtige in den Tiefen des Netzes gefunden hat. Nach längerer Recherche merkte Julia Bugram, dass sich Männer auf ihren Profilen anders darstellen als Frauen.

Ganz klar steht hier der Oberkörper, meist das Sixpack, im Fokus. Oft sind sogar die Köpfe beim Foto abgeschnitten und der Mensch wird zur Fleischbeschau – die Herren präsentieren sich selbst klar als Objekt. Die Kohlezeichnungen sind durch Wischen und Verwischen mit den Fingern entstanden und nehmen auf ironische Art und Weise die Swipe-Bewegung auf, die auf den Plattformen bedeutend sind.

Da die Künstlerin niemandem etwas unterstellen möchte, tragen alle Torsi eine weiße Weste (weiß gerahmt) und hier werden auch Betrachter*innen in keinster Weise enttäuscht – es darf sogar nachgemessen werden(!) – die versprochenen 20 cm sind garantiert. Mit Augenzwinkern wird so auf teils absurden Idealvorstellungen einer westlichen Gesellschaft verwiesen.

Wut als künstlerische Kraft

Die Druckgrafiken “WUT – MUT – FUT” gelten als Startpunkte für die Auseinandersetzung mit den zuvor besprochenen Themen. Zuerst war die Wut da, über all die Ungerechtigkeiten, die in der Gesellschaft aufzufinden sind und noch nicht ausgetragen wurden. Es hat Mut gebraucht, um sich der Thematik zu widmen und Fut steht stellvertretend für das Projektthema. Prägnante Schriftzüge zieren die pastellfarbigen, zarten Biedermeiertapeten, die das Häusliche assoziieren. Die Tapeten wurden frei von der Künstlerin erfunden, enthalten aber Symbole wie die Schwertlilie, die stellvertretend für das Männliche steht, oder die Pfauenfeder, die wie eine Vulva anmutet. Inhaltlich geht es auch um die Care-Arbeit, die Frauen* tagtäglich leisten. Gerade in der Coronazeit ist die Frau einer stärkeren Mehrfachbelastung ausgesetzt, was Job, Haushalt und Kindererziehung sowie vor allem dem Homeschooling betrifft. 

Die Werkserie „Verbindlichkeiten“ ist ein Zeitdokument und brachte seit dem ersten Lockdown Menschen über das gemeinsame Schaffen zusammen, während zugleich Distanz gewahrt wurde. Nach einer Vorgabe wurde die Öffentlichkeit aufgerufen, individuelle Interpretationen der Aufgabe anzufertigen und diese per Post an Julia Bugram zu senden. Alle Beiträge wurden zu einem größeren gemeinsamen Ganzen zusammengefügt. Hier wollte die Künstlerin die gesellschaftlichen Auswirkungen der Pandemie zeigen. Die damit zusammenhängenden Überlegungen, Hoffnung zu schenken, resultierte in dem Kunstprojekt „Verbindlichkeiten“, bei dem sich Menschen beteiligen konnten, neue Verbindungen geknüpft wurden, während im gleichen Moment die notwendige Distanz eingehalten wurde.


Gastautorin

Paula Marschalek

Paula Marschalek ist Kunsthistorikerin, Kulturmanagerin und Gründerin der Kommunikationsagentur Marschalek Art Management. Sie hat in renommierten Kulturinstitutionen wie dem Dorotheum, dem Kunsthistorischen Museum und MAK gearbeitet, sammelte Erfahrungen am Kunstmarkt bei einer jungen Galerie und absolvierte von September 2019 bis März 2020 ein Kulturmanagement-Stipendium im MAK Center in Los Angeles, USA. Sie schreibt, tritt als Speakerin auf und kuratiert gelegentlich Ausstellungsprojekte mit dem Fokus auf feministischer Produktion und Herangehensweise. Paula entwickelt neben klassischer Kunst-/Kultur-PR und Social Media Kommunikation, individuell zugeschnittene Kommunikationsstrategien und Beratungen für Kunst- und Kulturschaffende. Besonders liegt ihr das Thema Transparenz in der oft sehr elitären Kunstbubble am Herzen und damit einhergehend bietet sie Unterstützung für emerging artists/creatives mit Art Management (Organisations- und Kommunikationstools). Durch Talks, Texte, Führungen und experimentelle Formate versucht sie den Kunstbetrieb niederschwelliger zugänglicher zu machen und auch branchenübergreifend Interessierte aufzufangen.

Fotos: Jolly Schwarz

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