Weil es egal ist, ob Hunde mit Knochen oder mit Ball spielen

Eine kritische Rückschau auf Männer, die mein Körpervolumen zwanghaft huldigen mussten

Es gibt so viele Adjektive, die den Körper einer Frau mit üppiger Körperform beschreiben. Ich als betroffene Frau, die täglich davon definiert und auch marginalisiert wird, habe kein Problem mich als „dick“ zu beschreiben. Meine Haarfarbe ist braun, deshalb würde ich, wenn mich jemand nach meiner Haarfarbe fragen würde kurz und bündig „braun“ sagen. Wird nach einer Eigendefinition meiner Figur gefragt, dann antworte ich der Person ohne zu zögern mit „ich bin dick“.
Als „dicke/korpulente/kurvige“ Frau (oder wie man sich auch immer nennen will, wenn hier und dort ein wenig „mehr auf den Hüften“ vorzufinden ist), bin ich auf mehrere fragwürdige Situationen in meiner Dating-Biografie mit cis-Männern gestoßen. Hier ein kleiner „sneak-peak“, mit was man sich oft rumschlagen muss:



Ihr gebt euch immer so viel Mühe im Bett

Ich steh so drauf, wenn es etwas zum Anfassen gibt, alles andere fühlt sich wie ein Brett an

Du bist so schön weiblich wegen deiner Kurven

Echte Frauen haben Kurven, nur Hunde spielen mit Knochen



Ich frage mich ob kleine, große oder dünne Frauen auch mit ähnlichen Aussagen konfrontiert werden, oder gilt es unsere „üppige“ Körperform einfach so abnormal zu betonen, damit wir das Gefühl bekommen auch etwas zu sein, in einer Gesellschaft wo 90-60-90 als Maßstab idealisiert wird.



Ehrlich gesagt hatte ich am Anfang das Gefühl, dass es lieb gemeint ist. In dieser Zeit habe ich allerdings mein Selbstbewusstsein bei anderen geholt, eben bei meinen Sexualpartnern. Neben der Liebkosung meiner „großen“ Brüste und dem vehementen betonen, dass ich die Hand „verdammt nochmal“ nicht auf den Bauch legen muss, während man gerade in der Missionarsstellung verkehrt, ist mir noch etwas aufgefallen: Bin ich nicht normschön? „Sexyness“ und Normschönheit wird durch die Porno-, Schönheits- und Modeindustrie definiert, wir dicken Frauen bleiben hier nach wie vor ausgeklammert. Auch wenn Ashley Graham als die Ikone für bodypositivity für Zeitschriften wie der „Sports Illustrated“ gilt, suche ich immer wieder die Schwimmreifen, die bei mir und auch bei anderen Frauen, mit Dehnungsstreifen übersäht sind. Vielleicht darf man nur „perfekt“ dick sein, also makellos dick. Kein Wunder also, wenn man sich manchmal wie ein Alien fühlt.



Die SenderIn-EmpfängerIn Bindung gilt es allgemein zu hinterfragen, damit unangenehme Momente vermieden werden können und sich niemand benachteiligt fühlt. Dies lässt sich ebenfalls auf die sexuelle Kommunikation herunterbrechen. Ich glaube dicke Frauen brauchen nicht einen daher gerittenen (wortwörtlich gemeint) Humanisten, der uns im Bett oder unmittelbar davor oder danach sagen muss, wie wohl wir uns in unserem Körper fühlen sollen.
Es wirkt nämlich wie in einer Eltern-Kind-Situation. Ein Elternteil, welches mir sagen will, dass die Gesellschaft nicht fair ist und ich deshalb nicht traurig sein soll, weil ich eigentlich wichtig oder eben, wie in diesem Fall „schön“ bin. Dieses Gefühl war lange Zeit Balsam für meine gesellschaftskritische Seele. Was für ein Paradox.



Hinzu kommt noch, dass immer wieder in Blogs und auch Alltagsgesprächen darüber geschrieben und geredet wird, warum viele Männer Sexfantasien mit dicken Frauen haben, aber sich darüber nicht offen „outen“. Warum aber wird das als Sexfantasie bezeichnet? Wird mein Körper mit einem Analplug verglichen, der meiner Meinung nach eher als sexuelle Fantasie durchgehen könnte? Besonders bei Dates fühlte ich mich fetischisiert, wenn meine Körperästhetik verbal zentralisiert wurde.



Das Verhältnis zu den Männern, die mir das Gefühl vermitteln wollten, dass meine Kurven „sexy“ sind, war also äußerst merkwürdig: Es schwankte zwischen Dankbarkeit und Frust. Und genau da ist das Problem: Es muss einfach nicht darüber geredet werden.
Wie ich mich zeige, entwickelt sich durch die Resonanz zu meinem Gegenüber und auch meine Tagesverfassung ist entscheidend. Manchmal will ich im sexuellen Interkurs total nackt sein und manchmal lasse ich mein Top oder meinen BH an, oft auch beides. Natürlich hinterfragt man das, vor allem als „dicke“ Frau in einer Zeit wo die bodypositivity-Bubble förmlich danach schreit sich nackt zeigen zu müssen und zu seinem Körper zu stehen. Auch hier ein klares NEIN meinerseits: Ich muss genau gar nichts.



Als ich mich damit auseinandergesetzt habe, wieso ich manchmal das Bedürfnis habe mich zu verstecken und die Decke über meinen Bauch zu ziehen, habe ich das Problem und die Entscheidungsmacht bei mir gesehen. Es liegt an mir, und alleine an mir, was ich zeigen will und wie ich mich zeige:



My body, my choices. My body, my rules.




Kein Gegenüber hat zu sagen, wie ich mich präsentieren soll, wie viel Haut sichtbar sein soll und vor allem muss nicht gesagt werden, dass ich dick bin. Es hat ja auch noch kein Mann gesagt, dass ich braune Haare habe, nur so nebenbei.



Toll ist es ohne Frage, wenn man das Gefühl bekommt schön zu sein. Aber diese „Schönheit“ muss zum einen nicht durch Worte, und zum anderen muss nicht die Körperform, mit der sehr viele Frauen oftmals unzufrieden sind, hervorgehoben werden.




Mein Tipp an die Männerwelt: Gesten, Berührungen oder ein einfaches Lippen-Beißen fühlen sich manchmal angenehmer an, als Worte. Und je wohler sich die Frau fühlt, umso besser ist auch das Endresultat, just sayin‘.



Viva La Vulva-Gastautorin
Lisa B.

Lisa ist 23 Jahre jung, ist in Südtirol aufgewachsen und studiert zurzeit im Master Kultur- und Sozialanthropologie. Sie versteht sich als linke, intersektionale Feministin und besonders liegen ihr der interkulturelle und interethnische Dialog zu Gender, Sexualität und Körper am Herzen, damit die Vielfältigkeit dieser Prozesse thematisiert wird.  

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