Auch Alleinerzieherinnen müssen keine Übermenschinnen sein!

Nicht alles ist tatsächlich so, wie es auf den ersten Blick scheint. Strukturelle patriarchale Gewalt verbirgt sich hinter den verinnerlichten gesellschaftlichen und sogar staatlich legitimierten Normen, denen wir vor lauter Betriebsblindheit so zu sagen verfallen sind. Im hier vorliegenden Fall, so schließe ich es aus persönlich Erlebtem und Berichten anderer, äußern sich die Symptome in einer überhöhten gesellschaftlichen Anspruchshaltung, die mechanistische Schuldzuweisungen oder gar eine regelrechte Hexenjagd befeuern kann. Es sind Klischees und Rollenbilder, die eine verdrängte aber schmerzende weibliche Wunde unserer Gesellschaft freilegen. Dieses Aufzeigen und Hinsehen funktionieren sicher nicht ohne Widerstand, das ist mir bewusst. 



Die Statistik zeigt, dass der Großteil der Alleinerziehenden weiblich ist: Laut Zahlen der Statistik Austria lag in Österreich der Anteil weiblicher Ein-Eltern-Familien im Jahr 2019 bei über 90%. Das ist ein ernüchternder empirischer Befund fernab der Idealvorstellung von Geschlechtergerechtigkeit und gleichberechtigter Elternschaft.



Alleinerzieherin zu sein, ohne einen real verfügbaren weiteren Elternteil, ist wie ein Drahtseilakt ohne Netz und doppelten Boden. Es ist ein Meisterakt der Disziplin oft auch durchaus jenseits des Zumutbaren. Wie auch durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt, haben alleinerziehende Mütter nicht umsonst im Vergleich zu solchen mit Partner ein wesentlich höheres Burnout- und Armutsrisiko.

Warum ist das den Frauen zumutbar und niemand beschwert sich laut genug? Warum müssen Alleinerzieherinnen Übermenschinnen sein und sind am Ende aus Zeitmangel dann trotzdem oft nur halbe Mütter? Warum bleibt der Eindruck es sei gesellschaftlich weitläufig akzeptiert, dass sich toxisch männliche Väter selbst schlichtweg aus der Vaterverantwortung entlassen und die Mütter dies kompensieren müssen? Eine Kausalitätsdebatte – ob Rollenbilder vor praktizierten Rollen entstehen, oder umgekehrt – mögen andere in vertiefter Form führen, aber ein erster Schritt liegt darin mit ein paar Klischees und Rollenbildern aufzuräumen, die einem als Alleinerzieherin gerne begegnen…



Die bösen Frauen

Nicht alles ist schlecht und das Modell der gleichberechtigten Elternschaft nach Elterntrennungen ist auf dem Vormarsch. Diese Errungenschaft haben wir vor allem der Väterbewegung zu verdanken. Während es früher noch Gang und Gebe war, dass Ex-Ehemänner auch zu Ex-Vätern wurden, hat sich hier der Fokus definitiv gewandelt: Immer mehr getrenntlebende Eltern entscheiden sich für die alternierende Obhut, der Zugang zum gemeinsamen Sorgerecht wurde erleichtert und Richter*innen, Sozialarbeiter*innen sowie assoziiertes Personal ist immer angehalten auch eine U-Boot-artige Vaterfigur in einem möglichst positiven Licht im Leben der Kinder zu erhalten, denn Vaterfiguren sind wichtig und an dieser Erkenntnis rüttelt nichts. Gemeinsam konnten wir damit klassisch-konservative Familienmodelle ein Stück weit sprengen und auch Geschlechtergerechtigkeit für Mütter und für Väter gilt als zum ganzheitlichen Ziel erklärt.  



Dennoch gibt es Missstände. Kommt man in Berührung mit den Mühlen der Justiz, so bekommen Mütter nicht selten zu hören, sie mögen doch ihrer Kinder zu Liebe ihre eigenen Emotionen und Bedürfnisse zurückstecken, weil eine gute Mutter dies so machen würde.



Es ist dabei egal ob es sich um eine unbezahlte Rechnung vom Kieferorthopäden, Nachhilfe oder Ähnliches handelt, die man doch bitte lieber selbst bezahlen möge bevor man deshalb einen Streit riskiere, oder schlichtweg wieder einmal die banale Tatsache im Vordergrund steht, dass sich neben Job, Kindern und einem ganz klein wenig an eigenem neuem Post-Trennungsleben, schlichtweg keine Nebentätigkeit als Administrationskraft, Kupplerin und Feuerwehr mehr ausgeht. „Sie sind ja so eine starke Frau! Sie schaffen das!“, heißt es da dann gerne, aber ist das eigentlich fair? Eine befreundete Familienrichterin meinte einst anhand eines Beispiels zu mir: „Selbst wenn der Vater drei Stunden zu spät und verkatert zum Vaterkontakt auftaucht, sollte eine gute Mutter ihre Kinder motivieren sich darüber zu freuen, dass der Papa doch noch gekommen ist und am besten so tun als sei die Verspätung nur ein Missverständnis gewesen.“ 

Nun gut, das Glas ist also stets halb voll und niemals halb leer, ein unzuverlässiger Vater ist also besser als gar keiner, aber ist das nicht ein wenig viel der Realitätsverweigerung? Entlassen wir mit so einem Zugang nicht auch die Männer komplett aus ihrer Eigenverantwortung für ihre Vaterrolle? Und ist es nicht auch letztendlich das Recht unserer Kinder, dass man sie nicht vor jeder Realität durch phantasievolle Lügen beschützt?   



Entfremdung vom verlassenden Elternteil

Wer sich seinen Elternpflichten nach einer Elterntrennung entzieht und dies dazu führt, dass sich die eigenen Kinder emotionell von einem entfremden, sollte dafür auch die Verantwortung tragen müssen. In der Fachsprache wird ein solcher Entfremdungsprozess als PAS (Parental Alienation Syndrom) bezeichnet. Trotz sehr harter wissenschaftlicher Kritik und keiner tatsächlichen Anerkennung in der Judikatur, wird das PAS allzu gerne als Rechtfertigung einer Sündenbockkultur gegen Alleinerzieherinnen instrumentalisiert, mit dem Vorwurf sie seien an so einer Entfremdung der Kinder vom verlassenden Elternteil kategorisch schuld. Die anwaltliche Prozesstaktik die Mutter als „Kindesentzieherin“ und „Kontaktverweigerin“ darzustellen – sei es nun zwecks Einschüchterung, aufgrund anderer niedriger Beweggründe oder für einen vermeintlichen strategischen Vorteil bei der Unterhaltsbemessung – ist in diesem Zusammenhang leider auch nicht unbekannt. 



Trennungen mit Kindern erfordern gekonntes Krisenmanagement und eine nahezu unerträgliche gegenseitige Toleranz, die man sich auf Elternebene erst einmal erarbeiten muss. Wird hier etwa eine Mutter mit ihren Kindern alleine in so einer Situation zurückgelassen, dann macht sie dies notgedrungen zur alleinigen Krisenmanagerin. Das schweißt Mütter und ihre Kinder unweigerlich zusammen, wie sollte es auch anders sein?



Wenn hier ein „externer Mitarbeiter“ die konstruktive Partizipation und jegliches Onboarding immer wieder verweigert, dann kann es doch kaum verwundern, wenn man sich hier allseits voneinander entfremdet und es den gemeinsamen Kindern einfach nur ebenso ergeht? Wer nichts investiert, bekommt auch nichts, so einfach ist das. Das Problem auf Ebene der verlassenen Kinder wird durch Schuldzuweisungen selbstverständlich nicht kleiner und auch die Mütter leiden unter so einer Situation. Nichts verletzt eine Mutter mehr als die Ablehnung der eigenen Kinder durch den verlassenden Elternteil. Es ist eine unfassbar verletzende Entwertung der Menschen, die man doch selbst über alles liebt und ja, es gibt tatsächlich Väter die machen so etwas bewusst. Dieser Leidensdruck kocht durchaus viele Mütter weich sich den ewigen Angriffen toxischer Männlichkeit letztendlich doch noch zu unterwerfen, doch regelmäßig mit keinem gesunden Ergebnis.

Nein, wir dürfen hier auch als Gesellschaft die vermeintlich entfremdeten Väter nicht aus ihrer Eigenverantwortung entlassen. Es sind die Väter, die für eine gesunde Beziehung zu ihren Kindern sorgen müssen. Es sind die Väter, die sich nach den Bedürfnissen und Plänen der Kinder zu richten haben und es gibt keinen Grund für einen Vorrang ihrer eigenen Lebensumstände und Zukunftspläne vor ihrer Vaterpflicht. Man sollte ob dieser Kampfforderung auch nicht allzu lange in Schockstarre verharren, sobald man bedenkt, dass eine solche Perspektive unhinterfragt für alleinerziehende Mütter gilt. Und nur zur Erinnerung, es ging doch eigentlich einmal um Geschlechtergerechtigkeit, oder?



Die Unzulänglichkeit der Rolle der geldgeilen Ex und die leidigen finanziellen Erpressungen

Und ja, da ist natürlich auch die finanzielle Komponente, die eine faire Lastenverteilung wieder spiegeln sollte. Kinder sind teuer und verbrauchen einen erheblichen Anteil des Haushaltsbudgets, wie viel dies in absoluten Zahlen ist, ist eher nur eine Frage der Skalierung. Die Judikatur hingegen ist hier recht genau, welcher Betrag einem Kind zum Leben bleiben soll und was es überhaupt zum Leben braucht, oftmals auch unbeschadet der tatsächlichen Kosten und des gewohnten Lebensstandards eines Kindes im Rahmen der früheren familiären Lebensrealität. Auch die Berechnungsmethode auf Basis von Regelbedarfssätzen hinterlässt einen fahlen Beigeschmack empirisch und mathematisch wohl kaum zu leugnender Willkür und nach oben hin gilt in der Judikatur übrigens das Credo, dass ein zu hoher finanzieller Standard schlecht für die Entwicklung eines Kindes sei.



Aber ganz ehrlich, hat jemand schon einmal das Jugendamt wegen der Kinder der Nachbarn angerufen, weil diese nun eine teure Privatschule oder den dritten Ferienkurs in Folge besuchen und dort deshalb eine grobe Kindeswohlverletzung verortet? 



Es verwundert also nicht, dass diese Situation durchaus auch dazu einlädt, das Thema Geld immer wieder gerne als repressives Instrument männlicher Machtphantasien einzusetzen. Auch das häufige Argument Väter müssten wegen weiterer Kinder mit einer neuen Partnerin die finanziellen Zahlungen für Kinder aus einer früheren Beziehung reduzieren, wirkt in Zeiten eigenverantwortlich anwendbarer Verhütungsmittel gerade zu lächerlich. Oder wurden jemals die Alimente für bereits bestehende Kinder aus einer früheren Beziehung erhöht, weil man als hauptbetreuende Mutter mit einem neuen Partner ein weiteres Kind bekommt und man jetzt auch wegen der Kinder aus der früheren Beziehung eine größere Wohnung benötigt? Ich möchte meinen, es wäre wohl undenkbar, als Frau so etwas zu fordern…

Auch die Erwerbsausübungschancen sind für Alleinerzieherinnen schwierig. Beruf und Elternrolle ohne weitere Unterstützung im Alltag zu vereinen ist ein ressourcenintensiver Drahtseilakt, an dem nicht wenige scheitern oder ins Burnout getrieben werden. Das Konzept eines Betreuungsunterhalts, der Alleinerziehende für die durch die Betreuungspflicht geminderten Erwerbschancen kompensiert, wäre hier ein denkbarer Vorstoß, der auch bereits in Deutschland und der Schweiz zu konkreten Manifestationen im Unterhaltsrecht geführt hat. Manche verorten hier paternalistische Strukturen, jedoch verweise ich in diesem Zusammenhang auf das Verursacherprinzip, demzufolge ein Verursacher von Externalitäten auch für die Kosten der Internalisierung dieser zu sorgen hat, denn nur das ist geschlechtergerecht.

Überhaupt nur anzudeuten, dass Kontakt und Kindesunterhalt in der Praxis sehr wohl in einem Trade-Off zu einander stehen, ist ein weiterer Tabubruch mit Blick auf die Judikatur. Wenn ein Elternteil sich schon nicht persönlich kümmert, warum soll es das Kind dann nicht zumindest finanziell dafür kompensieren müssen? Ballett statt Papa, oder zumindest eine gute Ausbildung, wenn es sich schon mit der Vaterfigur im kindlichen Leben als kompliziert erweist? Aus der Sicht der Kinder wäre dies zumindest pragmatisch, wenn sie schon auf so viel anderes von noch viel höherem Wert verzichten müssen. 



Schlussfolgerungen

Auch Alleinerzieherinnen müssen keine Übermenschinnen sein, aber sie sind auch keine Untermenschinnen, nur weil sie sich für toxische Männer bequemen Rollenbildern entziehen. Und nein, nicht alle Väter sind so, aber auch nicht alle sind nicht so. Wer seine Kinder verlässt, trägt dafür selbst die Verantwortung und nicht eine dämonisierte Ex. Auch die Kinder können nichts dafür, wenn sich bei diesen der entstandene leere Raum mit neuen signifikanten Beziehungen füllt und dies ist sogar wünschenswert! Es darf keine ungeschriebene Verpflichtung für alleinerziehende Mütter geben stets die Verantwortung für das Versagen des anderen Elternteils zu übernehmen. Das ist erdrückend und eine ungerechte Last. Letztlich haben auch Alleinerzieherinnen ein Recht auf Rache in Form eines glücklichen Lebens, egal was dies mit einem toxischen männlichen Ego macht. Ein gesundes Maß an Abgrenzung und Reziprozität, sowie das Einverlangen einer neuen männlichen Eigenverantwortung stehen uns dabei jedenfalls zu!



Viva La Vulva Gastautorin

Sabrina Dorn

Sabrina Dorn ist Ökonomin, Statistikerin, Autorin, Polit-Aktivistin, Mutter zweier Töchter und weiß was es bedeutet alleinerziehend zu sein.

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