Vulvariety! Workshop – Ich war dabei.

Hallo alle zusammen! Am Wochenende vom 4.7. bis 5.7.2020 war ich Teil eines Workshops mit dem Titel „Vulvariety!“. Der Workshop hat mir extrem viel Kraft und Mut gegeben und meine Sicht auf viele Themen verändert. Ich werde versuchen euch einen Überblick über die Übungen, die wir gemacht haben zu geben und hoffe, dass ihr nachvollziehen könnt, wie ich mich dabei gefühlt habe. Vielleicht kann dieser Beitrag sogar helfen, diese Bewegung weiter auszubauen. Der Workshop wurde von Viva la Vulva organisiert, die mit ihrer Plattform jungen Frauen* und Feminist*innen die Möglichkeit geben der Welt ihre Bedürfnisse und Leidenschaften mitzuteilen.

Wir hatten vor dem Workshop wenig Infos bekommen, wodurch die Spannung groß war. Es ist immer ein bisschen komisch in einem Raum voller fremder Menschen zu sitzen, aber die Workshop-Leiterinnen haben schnell einen sehr sicheren Raum für uns geschaffen, dass wir Themen besprechen konnten, die wir nicht einmal mit Freunden besprechen würden, oder zumindest nicht auf dieser Ebene. Nach einer kleinen Meditation zu Beginn, um im Raum und im Workshop-Setting anzukommen, ging es los mit der ersten Übung.



Tag 1

Im Vorhinein haben wir alle Bescheid bekommen, dass wir ein Bild aus unserer Teenager-Zeit mitbringen sollten und wurden gebeten uns das Bild sehr genau anzusehen. Als nächstes sollten wir das Foto auf den Boden legen und uns so viele Schritte davon entfernen, wie wir fanden, dass wir uns von der Person die wir waren entfernt hatten bzw. wie sehr wir uns dieser Person noch ähnlich fühlten. Nachdem wir das alles gemacht hatten, schrieben wir in unser Tagebuch, was wir unserem alten „Ich“ gerne sagen würden und was wir in dieser Zeit gern gewusst hätten. Die Übung ist fantastisch, weil man sich mit allen Problemen und Zweifeln, die man als Jugendlicher hatte, befassen muss und entscheiden soll, ob das die eigenen Probleme waren, oder gesellschaftlich Gemachte. Spoiler alert: meistens sind sie gesellschaftlich gemacht.

Hast du gedacht, dass du nicht gut genug warst oder immer noch bist? Da spricht die Gesellschaft aus dir. Du bist eine ganze Person, warum solltest du jemals nicht genug sein. Konntest du deinen Körper nicht akzeptieren oder ihn nicht in seiner ganze Schönheit erkennen? Es ist immer noch die Gesellschaft, die sich mit ihren Normen und Idealen über Körper in deinem Kopf breit macht. Und vor 5 bis 10 Jahren betrafen diese idealisierten Körperbilder vor allem Frauen*.



Es ist überhaupt nicht falsch, all diese Sachen zu denken, aber sei dir bewusst, dass sie dir vielleicht nicht mehr dienen und du dir erlauben kannst loszulassen. Und was bei diesem Prozess absolut helfen kann, ist mit anderen über deine Selbstzweifel zu reden. Du wirst merken, dass fast jede Frau* die gleichen Selbstzweifel fühlt oder zu irgendeinem Zeitpunkt gefühlt hat. Eine der Leiterinnen hat ein sehr passendes Zitat gebracht: „In a world that profits from self-doubt, loving yourself is a rebellious act.“



Versuch diese Übung zu Hause, wenn du das Gefühl hast, dass du unausgesprochene Probleme aus deiner Vergangenheit hast.

Mein Lieblingsteil des Wochenendes? -Die Mittagspausen! Nicht nur weil es super leckeres Essen gab und ich Essen liebe, sondern weil wir sie alle zusammen verbracht haben und dabei die besten Gespräche über Themen, die in einer anderen Umgebung überhaupt nicht aufgekommen wären, entstanden sind.

Eine andere Übung die wir auch am ersten Tag gemacht haben, war über das Thema Scham. In Paaren hatten wir eine zeitliche Aufteilung: die erste Person hat begonnen 5 Minuten lang über alles, was sie mit Scham verbindet oder wofür sie sich schämt, zu erzählen. Die zweite Person hatte dann 2 Minuten Zeit um Feedback zu geben und zu sagen, welche Punkte sie besonders gut nachvollziehen konnte und hatte danach ihre eigenen 5 Minuten, um über ihre eigenen Schamgefühle zu reden. Danach bekam die erste Person wieder 2 Minuten um Feedback zu geben. mein Gedanken dazu: Erstens können fünf Minuten eine ganz schön lange Zeit sein. Zweitens weiß ich nicht, wie das für andere Leute ist, aber ich bin definitiv nicht daran gewöhnt überhaupt kein Feedback in einem Gespräch zu geben. Kein Nicken oder Zustimmung zu zeigen.



Aber auf diese Art fühlt man sich schnell wohl viele schambehaftete Themen anzuschneiden und man weiß immer genau wie man selbst sich dabei fühlt. Man verliert nicht den Faden durch Einwürfe von Gesprächspartner*innen. Ich kann sehr empfehlen sich ganz in Ruhe über alle Dinge, für die man sich schämt, Gedanken zu machen.



Was sehr nötig war, war eine reine Wissensstunde über den Beckenboden, die Klitoris, innere Geschlechtsorgane, Orgasmen und natürlich Vulven. Es gibt immer noch viel zu lernen. Wusstest du, dass männliche und weibliche Geschlechtsorgane aus den gleichen embryonalen Zellen entstehen? Und, falls sich das jemand gefragt hat – ja, der Lusttropfen, kann jemanden schwängern.

Außerdem kann man sich seinen Zyklus als die vier Jahreszeiten vorstellen. Die Menstruation ist Winter → fast keine Hormone, Östrogen baut sich nur langsam wieder auf. Zwischen Periode und Eisprung liegt der Frühling. Man fühlt sich wieder besser, sexuelle Gelüste erwachen langsam wieder und der Körper bereitet sich auf die Empfängnis vor. Was ich jetzt erzähle, haben wir im Workshop gelernt und ich finde, dass es ein sehr passendes Bild ist, um sich vorzustellen was jeden Monat im weiblichen Körper passiert. Man baut sozusagen ein Hotel, dafür ist das Östrogen verantwortlich. Nach dem Eisprung übernimmt das Progesteron um sich um die Innenausstattung des Hotels zu kümmern. Die Periode ist die Art des Körpers zu sagen: „Zeit von vorne anzufangen!“. Der Eisprung ist der Sommer des Zyklus, danach folgt Herbst bevor es wieder Winter wird. Falls die Brüste vor oder während der Menstruation weh tun, liegt das daran, dass man Milchdrüsen entwickelt um ein eventuell entstehendes Kind ernähren zu können. Jeden. Monat. Klingt ziemlich anstrengend oder? Aber wir unfassbar fantastisch ist unser Körper denn eigentlich?! Das muss man erst mal sacken lassen. Weiter geht‘s mit dem Beckenboden!



Tag 2

Der zweite Tag hat mit ein paar Beckenboden-Übungen begonnen. Der Beckenboden hat drei verschiedene Schichten und ist dafür verantwortlich, dass wir uns nicht anpinkeln, dass unsere Organe an der richtigen Stelle bleiben und noch viel, viel mehr. Wir haben drei Übungen gemacht, um den Beckenboden zu stärken. Wer wusste vorher schon, wie man den Beckenboden trainiert? Ich nicht!

Die Übung, die für mich absolut überwältigend war, nennt sich “VULVA WATCHING”. Klingt komisch? Lass es mich erklären! Falls du eine Frau* bist: hast du deine Vulva schon mal genau unter die Lupe genommen? Ich habe das vorher noch nie wirklich gemacht. Und wie viele Vulven hast du in deinem ganzen Leben schon gesehen? Ich wette, nicht so viele wie Penisse. In dieser Übung durften wir frei wählen, ob wir unsere Vulva der Gruppe zeigen wollten.



Wenn du jetzt denkst, dass das richtig seltsam klingt, dann lass mich dir sagen, dass das die kraftvollste und stärkste Sache war, die ich je gemacht hab. Wie wenn man Nacktbaden geht, aber das Gefühl mal einer Million. Und was das Schönste dabei war, war dass alle Frauen in dem Raum sich gegenseitig unterstützt und bekräftigt haben. Und in dieser Situation war es einfach normal über Vulven und ihre Individualität zu reden.



Die letzte offenen Diskussion, die wir hatten, war über Masturbation. Es ist extrem faszinierend über Selbstbefriedigung zu sprechen, weil man dazu nicht so oft die Gelegenheit hat. Manche finden das Thema zu intim und möchten deshalb ihre Erfahrungen nicht teilen und das sollte man natürlich respektieren. Aber je mehr man darüber redet, desto mehr Optionen und Zugänge hat man. Falls du dich dabei komisch fühlst oder so, als würdest du etwas abnormales machen, kann ich dir sehr empfehlen mit einer Person deines Vertrauens darüber zu sprechen.

Das wars eigentlich schon. Man sieht wie viel offene Konversationen ausmachen können. Je mehr man über Dinge redet, desto mehr kann man sehen, dass man nicht alleine ist und Selbstzweifel ein gesellschaftlich gemachtes Konstrukt sind. Ich hoffe, jeder bekommt mal die Chance zu sehen, wie bestärkend die gegenseitige Unterstützung von Frauen* sein kann und dass wir uns gegenseitig erhöhen sollten, statt runterzumachen. Ich könnte ewig über diesen Workshop reden, aber das waren die wichtigsten Sachen, die ich gerne mit euch teilen wollte. Wenn ihr Fragen habt, könnt ihr euch an Viva la Vulva wenden oder gerne auch an mich, über meine Website.

Bleibt gesund und alles Liebe, Ingalisa

Viva La Vulva Gastautorin

Ingalisa Singewald


Ingalisa Singewald (23), ist Musicaldarstellerin und Unternehmerin. Mit ihrer Website hat sie sich den Traum von einer eigenen Plattform für Feminismus und mentale Gesundheit erfüllt. Besonders am Herzen liegt ihr das Erkunden von gesellschaftlich auferlegten Rollenbildern und Vorurteilen.

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