Wie Männer* verhüten

Beim Sex gehören – mindestens – zwei dazu. Gerecht wäre, wenn sie dabei nicht nur die Lust, sondern auch die Last teilen würden. Doch wie halten es Männer mit der Verhütung?

Pille schlucken, Ring einlegen, Nadeln stechen, Spirale einsetzen. Dazwischen zur gynäkologischen Kontrolle gehen, warten und hoffen, dass nichts „passiert“ ist. Verhütung** ist im Leben vieler Frauen Teil des Alltags. Mit all den damit verbundenen Kosten, Risiken und Nebenwirkungen. Zunächst bedeuteten Verhütungsmittel für Frauen eine Befreiung. Die Pille, die vor knapp 60 Jahren auf den österreichischen Markt kam, verlieh Frauen eine nie da gewesene Macht in ihren Beziehungen. Endlich war es vorbei mit der allgegenwärtigen Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft. Kinderkriegen oder nicht wurde zur individuellen Entscheidung. Wollen Männer diese Entscheidung den Frauen überlassen? 

Für Frauen ist die Auswahl an Verhütungsmitteln groß

Schmerzhaft, aber sicher

„Wenn man sich sicher ist, dass man keine Kinder mehr will, ist es das einfachste“, erzählt Daniel. Er ist 31, liiert, Vater von zwei Kindern – und er hat sich vor einem halben Jahr vasektomieren lassen. Von seinem Vater und seinem Vorarbeiter kannte er das Prozedere bereits.

„Ich habe mir das weniger schmerzhaft vorgestellt“, gibt er zu, „bei der Heimfahrt vom Krankenhaus hat mir jeder Kanaldeckel, über den wir drübergefahren sind, wehgetan“.

Eine halbe Stunde habe der Eingriff gedauert und danach musste er sich zwei Tage Urlaub nehmen. Aber heute, meint Daniel, ist er glücklich über seine Entscheidung, weil er nie wieder über Verhütung nachdenken muss. Und auch im Hinblick auf seine Freundin, denn: „Bei Frauen ist eine Sterilisation viel schlimmer. Und es geht ja um die Beziehung.“.

Männer verhüten weniger

Im Durchschnitt beschäftigen sich Männer deutlich weniger mit Verhütung als Frauen. Laut Verhütungsreport, der 2019 vom Ambulatorium Gynmed herausgegeben wurde, informiert sich mit 45 Prozent fast die Hälfte der Frauen sehr oder eher intensiv über verschiedene Verhütungsmethoden. Bei den Männern tun das nur 26 Prozent. Dementsprechend geben fast doppelt so viele (42 Prozent) Frauen wie Männer (23 Prozent) an, alleine für die Verhütung zuständig zu sein. Bei immerhin einem Viertel aller Befragten kümmern sich beide Partner*innen darum.

Männer haben beim Verhüten weniger Optionen als Frauen; ihre Auswahl beschränkt sich auf Kondom und Vasektomie.

Das Kondom ist weniger sicher als etwa die Pille oder die Kupferspirale und wegen seiner Handhabung bei manchen unbeliebt. Und eine Vasektomie ist nur beschränkt rückgängig zu machen. „Zahlreiche Studien zeigen übereinstimmend, dass eine Mehrheit der Männer gerne die Kontrolle über ihre Fruchtbarkeit übernehmen würde“, bemerkt der Gynäkologe und Gynmed-Leiter Christian Fiala. Das Interesse an neuen Methoden für Männer wäre also da.

Manche Männer beklagen, dass sie mit Kondom weniger fühlen.

Kondome statt Hormone

Einer, der wie Daniel Verhütung selbst in die Hand nimmt, ist Martin. Er ist mit seiner Verlobten seit fünf Jahren zusammen und verhütet ausschließlich mit Kondom.

„Ohne ist der Sex zwar intensiver, aber ich würde von meiner Freundin nie erwarten, dass sie die Pille nimmt“, erzählt er.

Martin zeigt sich mit der jetzigen Situation zufrieden. „Ich muss aber auch sagen, dass ich noch nie wirklich über Alternativen zu Kondom und Pille nachgedacht habe“, gesteht er. Der Hauptgrund für die Wahl des Kondoms ist bei Martin und seiner Partnerin die Skepsis gegenüber hormonellen Verhütungsmitteln, wie er erläutert: „Wir hatten die Sorge, dass sich mit einer hormonellen Veränderung auch die Stimmung meiner Freundin verändert. Aber mir ist es lieb, wenn sie bleibt, wie sie ist“. 

Warum so alternativlos?

Mit ihren Befürchtungen sind Martin und seine Freundin nicht allein. Seit Jahren nimmt die Kritik an hormonellen Verhütungsmitteln zu, weil sich Frauen nicht mehr mit ihren negativen Erfahrungen abfinden wollen. Eine Veränderung der Libido und Stimmungsschwankungen sind nur zwei davon. Genau über diese Beschwerden klagten auch die Probanden einer Studie, bei der eine Hormonspritze für Männer getestet wurde. Die WHO brach deren Erforschung 2011 ab – und das, obwohl die Spritze genauso gut gewirkt hat, wie die Pille. Aus Sicherheitsbedenken, wie es hieß. Frauen müssen seit Jahrzehnten mit Nebenwirkungen leben, weil die Zulassungskriterien zur Zeit der Pillenfreigabe weniger streng waren als heute. Aber auch, weil in der Führungsriege der Pharmaforschung hauptsächlich Männer arbeiten, die selbst nicht betroffen sind. Für die Erforschung neuer Verhütungsmittel fehle es der Pharmaindustrie an Interesse, erklärt der Androloge Christian Leiber in einem Artikel der Tageszeitung Welt.

Mit der Pille für die Frau hatte sich ein Markt eröffnet, der weitere Innovationen aus marktwirtschaftlicher und männlicher Sicht entbehrlich machte. 

Die Kritik an hormoneller Verhütung wächst

Woran geforscht wird

Die Vorbehalte gegenüber Pille und Co können einerseits Männer vor neuen, hormonellen Methoden abschrecken, andererseits aber auch den Druck erhöhen, Alternativen zu entwickeln. Nun setzen Forscher*innen ihre Hoffnung in ein Hormon-Gel, das Männer über die Haut aufnehmen können. Hier wirken ein synthetisches Gestagen und Testosteron zusammen, die die Produktion von Spermien hemmen und gleichzeitig den Hormonhaushalt nicht durcheinanderbringen sollen. Dazu führt das amerikanische Forschungsinstitut Health Decisions seit 2018 eine Studie an 420 Paaren durch. Erste Ergebnisse sollen in diesem Sommer kommen. Bereits 1970 hat ein indischer Biomediziner ein Gel entwickelt, das einen anderen Ansatz verfolgt. Es wird in den Samenleiter gespritzt und wirkt dort als Filter für Spermien. Die amerikanische Plattform Parsemus machte sich diese Idee zunutze und forscht nun seit den frühen 2010er-Jahren an einer markttauglichen Form dieses Gels namens Vasalgel. Allerdings steckt das Projekt seit 2017 in der Tierversuchsphase. Für Studien an Menschen sammelt Parsemus zurzeit Spenden.

Schutz vor Krankheiten

Luis ist mit seiner Verhütungsmethode nicht ganz zufrieden, wie er sagt: „Momentan benutze ich Kondome, was mir nicht so gut gefällt. Das Problem ist, dass ich damit an der Eichel weniger spüre“. Er ist 22 und zurzeit Single, weshalb er wechselnde Sexpartner*innen hat und das Kondom daher für ihn alternativlos ist. „Schwangerschaft ist schließlich nicht das einzige, wovor ich mich schützen möchte“, gibt er zu bedenken. In einer früheren Beziehung mit einer Frau hat er sich die Kosten für die Pille mit seiner Partnerin geteilt. Für die Zukunft schließt er eine Vasektomie nicht aus. „Aber das wäre erst dann für mich denkbar, wenn ich in einer monogamen Beziehung bin“, erklärt er. 

Aktiv für Verhütungsgerechtigkeit

Obwohl bei Männern die Bereitschaft da wäre, neue Verhütungsmittel zu nutzen, fehlt es an politischem Engagement. Weder in feministischen Kreisen noch in den antifeministischen Männerbewegungen war Verhütung für Männer eine zentrale Forderung. Abgesehen von einer deutschen Menschenrechtsgruppe, die das Thema 1975 (!) ansprach, und von ein paar Antifeministen, die Angst vor Alimenten haben. Seit 2020 bekommt das Thema, zumindest in Deutschland, endlich mediale Aufmerksamkeit. Die Studentinnen Rita Maglio und Jana Pfenning haben die Kampagne „Better Birth Control“ gestartet. In einer Petition fordern sie, „dass Politik und Pharmaindustrie mehr Geld in die Entwicklung von Verhütung für Männer und Frauen investieren“. 

Was die Zukunft bringt

Christian Fiala, der auch das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien gegründet hat, sieht „derzeit für keine der Methoden eine Markteinführung in greifbarer Nähe – Überraschungen nicht ausgeschlossen“. Um diesen „Überraschungen“ auf die Sprünge zu helfen muss das Thema stärker an die Öffentlichkeit. Es gehören Signale an Forschung und Politik gesandt. 

Es braucht ein Bewusstsein dafür, dass Frauen die Last der Verhütung nicht weitgehend alleine tragen sollten. Verhütungsgerechtigkeit ist essenziell für das Erlangen von Gendergerechtigkeit.

Und wenn wir schließlich bessere, nebenwirkungsarme, leistbare Verhütungsmittel für Männer und Frauen haben, werden sich auch deren Beziehungen verändern. Fiala glaubt, „dass bei vielen Paaren beide verhüten werden“. Dann würden die Partner*innen gemeinsam bewusst entscheiden, ob sie Kinder bekommen. Das sollte doch auch Männern ein Anliegen sein.

*Ich spreche in dem Artikel vorrangig über Verhütung in heterosexuellen Beziehungen. Das soll aber nicht ausschließen, dass sich LBGTIQ*-Menschen ebenso mit dem Thema auseinandersetzen, bzw. dass es auch in deren Beziehungen diesbezüglich eine Schieflage gibt. 

**Es geht hier hauptsächlich um die Verhütung von Schwangerschaften. Hormonelle Verhütungsmittel, Kupferspirale etc. schützen nicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten. 


Gastautorin

Cornelia Groiss

© Barbara Aichinger

Cornelia ist 31 und definiert sich schon länger als die Hälfte ihres Lebens als Feministin. Kein Wunder also, dass sie Gender Studies studiert hat. Nachdem ihr früher Themen um den weiblichen Körper ein Hauptanliegen waren, interessiert sie sich heute verstärkt für wirtschaftliche und soziale Gendergerechtigkeit. Da sie immer neugierig darauf ist, was Menschen bewegt, landete sie im Journalismus. Seit fast zwei Jahren arbeitet sie nun als TV-Redakteurin. Außerdem ist sie Outdoor-Junkie, vierfache Tante, Langschläferin und für fast jeden Blödsinn zu haben. Abgesehen von Anti-Corona-Demos.

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