Wie frei sind wir wirklich? – Wie ich meinen Weg zum Feminismus fand

Ich bin sehr behütet in einer Kleinstadt im Südwesten Deutschlands aufgewachsen. In meiner Jugend habe ich mir nie viele Gedanken über das Thema Feminismus gemacht. Klar, da hatten wir auch andere Probleme und in einem patriarchalen System ist es schwierig, sich in Bildungseinrichtungen über Tabuthemen, wie weibliche Sexualität detailliert zu informieren. Schon damals fiel mir auf, dass ich für viele in meiner Umgebung zu selbstbewusst war, zu fordernd, zu anders. Beziehungsweise mir fiel auf, dass ich „zu viel“ war, mir war nur nicht klar von was. Das war unter anderem ein Anreiz für mich, über den Tellerrand der begrenzten Kleinstadt und somit in die Ferne zu schauen.

Ich habe mich mehr mit dem Thema auseinandergesetzt, als ich begann, meinen Heimatort mit 20 zu verlassen und andere Länder zu erkunden. 

Mein erstes neues Heimatland wurde die Niederlande. Bei einem gewöhnlichen Besuch in der Drogerie wurde ich das erste Mal (positiv) überrascht. Neben Kondomen, Gleitgels und anderen Produkten gab es die „Pille danach“. Einfach so im Regal. Ohne Rezept. Das war im Jahr 2014, als es die „Pille danach“ in Deutschland noch längst nicht rezeptfrei gab (dies kam erst im Jahr 2015, während sie in den Niederlanden schon seit 2004 rezeptfrei verfügbar ist). 

Also schon deutlich länger und wie mir persönlich schien, ohne große theatralische Diskussion in der Gesellschaft. 



Nach Unterhaltung mit einer niederländischen Studienkollegin, fiel mir auf, dass die allgemeine Beziehung zur weiblichen Sexualität und Familienplanung dort eine andere ist, auch zum Thema Schwangerschaftsabbruch, bei dem man in der Niederlande keine drei traumatisierenden Arzttermine bis zum eigentlichen Abbruch benötigt.



Das nächste Land, das mich geprägt hat, war Irland. Trotz eines wundervollen, aufregenden Erasmussemesters bleibt mir eine Stadtführung in der Hauptstadt Dublin negativ in Erinnerung, bei welcher der Guide über das „dunkle Kapitel“ Irlands sprach, welches Schwangerschaftsabbrüche komplett verbietet (dies war im Jahr 2016; 2018 entschied eine Abstimmung der Regierung für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen). Mir war bis dahin nicht bewusst, dass es ein europäisches Land gab, welches noch so konservativ geführt wurde.

Mein Weg führte mich weiter nach Ecuador, wo ich zweieinhalb Jahre meines Lebens verbrachte. Natürlich fällt einem sofort der Machismo ein, der diesen Teil der Erde prägt, aber auch hier ist der Schwangerschaftsabbruch verboten (es sei denn, die Gesundheit der Mutter ist in Gefahr oder bei der Vergewaltigung einer Frau* mit geistiger Behinderung). Ungesunde, patriarchale Familienstrukturen bestimmen den Alltag der Gesellschaft. Durch das katholisch geprägte Land, sind besonders Missbräuche innerhalb der Familien und den Bekanntenkreisen (allen voraus Frauen* und Kindern) mit 83% aller Missbräuche ein großes Problem. Hier wird kaum vom Staat eingegriffen, da das „Gut“ der Familie über allem anderen steht. 



Spätestens hier begann ich patriarchale Gesellschaftsstrukturen wahrzunehmen und sehr an dem Konzept unserer Gesellschaft zu zweifeln, da ich viele Missstände und Probleme sah, die genau dadurch entstanden.



Ich habe noch nie verstanden, wie eine andere Person, vor allem des anderen Geschlechts, mehr Macht über mich und meinen Körper haben sollte als ich selbst. Ich habe mir noch nie viele Gedanken über die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen gemacht, da ich immer in einem Land lebte, in dem es notfalls möglich war. Auch wenn man da natürlich nicht darauf zu strebt. Aber in einem Land zu leben, in dem es gänzlich verboten war, löste ein komisches Gefühl aus und veränderte etwas in mir.

Gegen Ende meines Aufenthaltes dort sehnte ich, trotz aufregender und schöner Zeit, meine Rückkehr herbei.

War hier doch alles besser, alles gleichberechtigter, alles sicherer?!

Aber ist das wirklich der Fall?

Nein.

Der Gender Pay Gap ist in Deutschland weiterhin extrem hoch (Frauen* verdienen hier im Schnitt 21 % weniger als Männer*, in Österreich sind es „nur“ 15,7 %). In anderen europäischen Ländern beträgt der GPG-Durchschnitt 19,6 %, Deutschland liegt also sogar darunter. In Österreich sind 85 % aller Arbeitssuchenden aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie Frauen*. 

Der Prozess eines Schwangerschaftsabbruchs ist weiterhin eine Tortur in Deutschland: Schwangerschaftsabbrüche stehen im Strafgesetzbuch (!) und Gynäkolog*innen ist es rechtlich untersagt, den Ablauf eines Schwangerschaftsabbruches auf ihren Websites zu erläuternAlso ist es beinah unmöglich, sich außerhalb der Arztpraxis zu informieren.

Frauen* werden bei Job Interviews aufgrund ihres Geschlechtes und der Möglichkeit schwanger zu werden, weiterhin universell benachteiligt.

Frauen* und Mädchen* sind Stalker*innen in den meisten Ländern weiterhin schutzlos ausgeliefert, da die Polizei keine Gewaltprävention durchführt. Laut aktueller Umfrage des Kinderhilfswerk Plans fühlen sich viele Frauen* in deutschen Großstädten nachts nicht sicher, jede fünfte wurde schon mal belästigt.

Zudem diskriminiert uns der Gender Data Gap in allen möglichen Bereichen des alltäglichen Lebens.

Also, was tun? 



Nicht aufhören zu nerven! Nicht aufhören darüber zu reden, Missstände anzusprechen und deine Mitmenschen im Alltag auf Sexismus und geschlechterspezifische Diskriminierung hinzuweisen ist schon mal ein guter Anfang.



Ich bin immer wieder geschockt darüber, wie viele Personen es meinem direkten Umfeld gibt, die wirklich der Meinung sind, Frauen* seien in unserer Gesellschaft gleichberechtigt. Je mehr man sich mit dem Thema auseinandersetzt, desto mehr Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten entdeckt man. Deswegen ist es extrem wichtig, weiter über das Thema zu schreiben, lesen, reden etc. 

Was bedeutet Feminismus für mich?



Liebe. Freiheit. Eine Gesellschaft, die Minderheiten bewusst miteinschließt, aufeinander achtet und Diskriminierungen weitestgehend umgeht. Eine Gesellschaft, in der jeder Mensch, ganz gleich welches Geschlecht, welche Hautfarbe oder sexuelle Orientierung er oder sie hat, dieselben Rechte, Freiheiten und Möglichkeiten erhält.



Dafür lohnt es sich zu kämpfen!



Spread the word.



Quellen:

https://www.tagesschau.de/ausland/irland-abtreibung-referendum-107.html

https://www.elcomercio.com/actualidad/ecuador-denuncias-abuso-sexual-menores.html

https://ec.europa.eu/info/policies/justice-and-fundamental-rights/gender-equality/equal-pay/gender-pay-gap-situation-eu_en

https://www.dw.com/en/german-gender-pay-gap-unchanged-at-21-percent/a-47906057

https://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/soziales/gender-statistik/einkommen/index.html

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/umfrage-viele-maedchen-und-frauen-fuehlen-sich-in-deutschen-grossstaedten-unsicher-16901822.html

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/106080/In-Ecuador-bleiben-Schwangerschaftsabbrueche-selbst-nach-Vergewaltigungen-verboten

https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20200714_OTS0032/oegb-schumann-85-prozent-aller-corona-arbeitslosen-sind-frauen

https://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/pro-familia-zu-219a-aerzte-werden-bei-abtreibung-kriminalisiert-a-1181881.html


Viva La Vulva Gastautorin

Kerstin Kraus

Kerstin, 28, ist gebürtige Deutsche und lebhaft in Wien. Durch ihren Beruf im Tourismus und ihrer Liebe zum Reisen hat es sie schon in einige Länder der Welt verschlagen, welche das Thema Feminismus sehr verschieden interpretieren. Durch diese Erfahrungen und Lektüren wie “Untenrum frei” oder “We Should All Be Feminists” hat sie sich immer mehr dem Thema gewidmet und versteht sich heute als leidenschaftliche, aktive Feministin*.

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