Der Tag der Tage – so bluten wir!

Foto: Alessandra Ljuboje

Marie

Zum Bluten habe ich mittlerweile ein sehr entspanntes Verhältnis. Ich kann mich aber noch gut daran erinnern, wie peinlich mir mit zwölf Jahren meine erste Periode war. Meine Mutter wollte es am Liebsten der ganzen Familie erzählen und faselte etwas von „Du bist jetzt eine Frau“ – völlig unbegreiflich für mich damals. Unwohl lief ich mit dicken „Windelbinden“ herum und als ich meine Periode ein Monat später wiederbekam, traf mich die Erkenntnis mit voller Wucht: „Das wird jetzt noch etliche Jahre so weitergehen.“ Über die Jahre konnte ich mich mit dem monatlichen Ereignis ganz gut anfreunden. Dazu muss ich sagen, dass ich glücklicherweise fast nie Schmerzen habe. Ein bisschen Rückenschmerzen und Bauchkrämpfe – das war es auch schon. In Gesprächen mit Freundinnen, wo über die besten Schmerztabletten und Therapien geredet werden, fühle ich mich oft fehl am Platz, weil ich nichts dazu beitragen kann. Seit zwei Jahren bin ich stolze Cup-Verwenderin und Verfechterin. Das kleine Silikonteil hat maßgeblich dazu beigetragen, dass ich meine Menstruation noch bewusster wahrnehme. Ich finde es jeden Monat von Neuem erstaunlich, wie viel Blut mein Körper ausscheidet und, dass auch Schleimhautreste und größere Blutklumpen zu sehen sind. Auch das Verwenden einer Period-Tracking-App hat mich meiner Menstruation nähergebracht. Mittlerweile kann ich ziemlich gut abschätzen, wenn sich meine Tage für ein paar Tage verschieben, wegen zu viel Stress zum Beispiel.



Mein großer Wunsch ist es, dass sich niemand mehr für die Menstruation schämen muss, niemand mehr Tampons auf dem Weg zum Klo versteckt und in der Arbeit niemand mehr wegen starker Regelschmerzen einen anderen Grund vortäuschen muss.  



Foto: Alessandra Ljuboje

Sophie

In meinen präpubertären Gedanken sind „die Tage“ immer ein geheimnisumwittertes Etwas gewesen. Ein Etwas, über das man nur im Flüsterton spricht, mit dem gleichen leicht angewiderten Tonfall mit dem man sich über Pickel am Po beklagt.



Als ich dann meine erste, recht unspektakuläre Schmierblutung bekam, wurden deswegen alle vorsichtigen Aufklärungsversuche meiner Mama zum Thema Periode vehement von mir abgeschmettert. Menstruation? Die bekamen vielleicht andere Mädchen, aber ich sicher nicht. Einen Monat später wachte ich am Schulskikurs mit blutbefleckter Unterhose auf und war denkbar unvorbereitet: Tampons kannte ich nur als Nasenblutstopper aus Friends und Binden waren in meinen Augen bessere Erwachsenenwindeln.



Zum Glück eilten meine Zimmergenossinnen meinem verwirrten zwölfjährigen Ich zur Hilfe. Im Sitzkreis wurden gemeinsam Tampons ausgepackt und ich wurde in die kleinen Überlebenstricks für Menstruierende eingeweiht. Meine Periode war auf einmal nichts Obskures und Blutiges mehr –  sie war vielmehr etwas, das uns Mädchen verband und ich fühlte mich, als würde ich mit ihnen gemeinsam den ersten Schritt auf dem langen Weg zum Erwachsenwerden gehen.



Mit diesem Tag hat meine Periode ihren Schrecken für mich verloren. Klar, die eine oder andere Geschichte von der eingesauten neuen Jeans oder einem blutigen Schwimmunfall gibt es. Die Tage mit Kopfschmerzen und Rückenweh gibt es. Den obligatorischen, periodenbedingten Schokoladenfressanfall gibt es. Meine Menstruation gehört zu mir, sie ist mein kleines inneres Uhrwerk, manchmal meine Freundin, manchmal meine Feindin. Ich will keinen Wirbel darum machen, denn für mich ist meine Periode weder eine magische Fähigkeit noch ein Kreuz, das ich zu tragen habe. Sie ist einfach da und das ist gut so. 



Foto: Alessandra Ljuboje

Sofia

An meine erste Periode kann ich mich noch sehr gut erinnern. Schon am Abend zuvor hatte ich schreckliche, ziehende Bauchschmerzen. Als die Bauchschmerzen auch am nächsten Morgen nicht verschwanden, dachte ich zuerst, dass ich vielleicht etwas Falsches gegessen hätte. Mir war übel und ich machte mich auf den Weg zur Toilette. Nachdem ich dort eine Weile ausgeharrt hatte, stellte ich beim Abwischen erschreckt das Blut auf dem Klopapier fest. Da war es: Rot auf Weiß. Auch im Klo – Es war ein Massaker! Ich verfiel schlagartig in Panik. Die einzige Erklärung zu der mein jüngeres Ich fähig war: Ich war krank. Möglicherweise sterbenskrank. Schließlich kam Blut aus meinem Hintern. Völlig hysterisch begann ich nach meiner Mutter zu rufen. Ich war den Tränen nahe. Würde mein junges Leben nun ein tragisches Ende nehmen? 



Meine Mutter wusste natürlich sofort was los war. Sie beruhigte mich und kaufte mir im nächsten Drogeriemarkt alle möglichen verschiedenen Perioden-Produkte. Als ich mich soweit beruhigt hatte, dass ich die Toilette verlassen konnte fand ich einen Esstisch voll mit Binden, Slips und Tampons in verschiedensten Größen und Farben. Ich war total überfordert. Als ich meine Periode bekommen habe war ich 12. Also nicht einmal besonders jung um die Periode zu bekommen. Umso schockierender ist es heute für mich, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte. Es schockiert mich, dass es mir damals realistischer erschien, an einer seltenen und vielleicht tödlichen Krankheit zu leiden. 



Das Thema Menstruation wurde im Biologieunterricht vielleicht einmal für 5 Minuten angerissen und auch in meinem Freundinnenkreis war “die Regel” so tabuisiert, dass wir nie darüber sprachen.



So kam es, dass ich mir mein erstes Wissen über die Menstruation durch die Beipackzettel von verschiedenen Slip- und Tamponpackungen zusammengereimt habe. Meine Mutter hat es übrigens sehr gefeiert, dass ich “zur Frau geworden” war. Zu meiner Scham erzählte sie es auch gleich allen Freundinnen und Familienmitgliedern. Für sie war es ein Fest, ein Meilenstein im Leben ihrer Tochter, den sie miterlebte. Ich bin sicher, sie hätte auch gerne mit mir darüber gesprochen, aber ich war wütend und schämte mich einfach zu sehr. Ich wollte keine Frau sein und hatte eine unglaubliche Wut auf die Welt. Es war gefühlt die erste geschlechtsspezifische “Ungerechtigkeit”, die ich in meinem Leben erfuhr, sie sollte aber nicht die letzte bleiben. 



Heute, am “Tag der Menstruation” wünsche ich mir, dass die jungen Frauen* von morgen ihr Wissen über das Thema Menstruation nicht von ihrer ersten Tamponboxbeilage ablesen müssen. 



Foto: Alessandra Ljuboje

Laura

Um ehrlich zu sein, bin ich immer sehr beruhigt, wenn meine Blutung eintrudelt. Für mich ist das so eine Art Rückmeldung, dass mit meinem Körper alles in Ordnung ist – und ich auch dieses Monat nicht ungewollt schwanger geworden bin 😉 



Sie ehrt mich auch nur drei Tage mit ihrer Anwesenheit, dann verzieht sie sich wieder, ich weiß, dass ich da von Glück sprechen kann. 



Da ich mit 14 noch nicht ganz überrissen hab, wie man ein Tampon verwendet, bzw. wie tief man das wirklich reinsteckt, saß es folglich viel zu weit unten und ich hatte Schmerzen beim Sitzen. Aus diesem Grund hab ich nie(!) verstanden, warum alle Tampons so toll fanden. Ich war eher Team “Binden“. Da konnte ich nicht viel falsch machen. Ich hab mich damals mit meinen Freundinnen intensiv über das Thema Menstruationshygieneprodukte unterhalten und dadurch hab ich dann auch erfahren, wie man ein Tampon richtig einführt. Bissi Übung hab ich gebraucht, aber dann ging’s e easy. 



Wenn ich zurückdenke an die Zeit, in der ich meine erste Menstruation hatte, bemerke ich, dass sich seitdem viel getan hat, vor allem im Bezug auf meine Einstellung.



Meine Blutung kommt eigentlich immer ziemlich pünktlich, wobei ich manchmal schon echt ins Schwitzen gekommen bin, weil mein normaler Zyklus 33 Tage lang ist, also fast ne Woche länger als die durchschnittliche Zykluslänge. Ich glaub jeder kennt’s, wenn man sich seine Blutung herbeisehnt, dann kommt sie einfach nicht daher. 
Mein faszinierenstes  Erlebnis war meine Blutung nachdem ich den Hormonring abgesetzt habe. Damals habe ich die Menstruationstasse verwendet und konnte so die Konsistenz meiner Blutung ungefilterter wahrnehmen. Es war ein roter, schleimiger Batzen, der sich nicht auseinandernehmen lies. Ich habe den Inhalt der Tasse in meine Hand geschüttet. Nichts tropfte. Es war einfach ein Blut-Slime.



Foto: Alessandra Ljuboje

Ana

Immer im gleichen Rhythmus, stets pünktlich, nur 3 Tage lang und ganz ohne Schmerzen. Ein feuchter Traum für manch eine Frau und ich hatte sie – die ultimativ unbeschwerlichste Periode. Auch als ich dann schon die Pille nahm blieb das so. Was sich allerdings schlagartig änderte waren meine Gemütszustände: durch die Pille war mein Hormonhaushalt stark beeinträchtigt, depressive Phasen waren keine Seltenheit mehr und nervlich so kurz angebunden, kannte ich mich auch nicht. Für mich war klar, ich muss dieses Teufelszeug absetzen, dass mich zu einem Menschen macht, von dem ich weiß, dass es nicht meiner wahren Natur entspricht. Doch was ich niemals gedacht hätte, ist, dass ich seither von Jahr zu Jahr und mittlerweile gar von Periode zu Periode größere Torturen durchleide. Wären es doch nur die Stimmungsschwankungen, die leichte Reizbarkeit und die Ich-werde-eh-nie-was-erreichen-Einstellung, die dann für paar Tage die Kontrolle on meinem Hirn übernehmen. Aber es müssen ja noch Gliederschmerzen wie bei der ärgsten Grippe hinzukommen und Krämpfe, bei denen ich mir jedes mal denke: „Dieses Mal tu ich es; dieses Mal reiß ich mir diese sch*** Gebärmutter aus dem Leib.“



Ich musste also lernen damit umzugehen, denn was bleibt einem anderes übrig, wenn das jetzt monatlich so laufen soll? Seither richte ich also meinen ganzen Kalender nach diesen blutigen Tagen und während mich das anfänglich noch ordentlich anzipfte, möchte ich jetzt versuchen in Kürze zu erklären warum, das das Beste ist, was mir passieren konnte:



4-5 Tage im Monat gehören nun mir ganz allein … und meiner Periode. Ja, es sind Zwar die mürrischen Tage, die mit den Schmerzen, aber es sind auch jene Tage, um sich mir Selbst bewusst zu widmen. Ich meine damit nicht nur Self-care Pflege, Pizza und Schokolade all day long, sondern eigentlich ganz im Gegenteil, eine Auszeit von der Außenwelt und dem giftigen Zeug. Dem Stress, dem ungesunden Life-style, ohne Schlaf, aber mit Fast-food und Alkohol.



Und siehe da, seither ich meine Periode, trotz ihrer Abscheulichkeiten lieben lernte, quälte sie mich gar nicht mehr mit so starken Schmerzen. Sie wusste fortan würde ich mir Zeit für sie und für mich nehmen. Und so lautet mein Rat an alle, die ihn brauchen: Lernt eure Periode zu zelebrieren, denn mit ihr einhergeht viel Kraft, Weiblichkeit und Selbstwertgefühl.

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