Having the time of her life?!

FeministIn sein im 21. Jahrhundert kann eine Herausforderung sein. Auf der einen Seite haben wir das Frauenwahlrecht, Frauen müssen nicht mehr ihren Ehemann um Erlaubnis bitten, arbeiten zu gehen, es ist selbstverständlich hier in Europa, dass Frauen Auto fahren etc. Auf der anderen Seite haben wir noch immer sehr viele Baustellen, wie etwa den Gender Pay Gap oder geschlechterbezogene Diskriminierung am Arbeitsmarkt. Um nur zwei zu nennen, die mich und meine Freundinnen, welche jung, frisch von der Universität, gerade im Moment am meisten betreffen. Ich wette aber, dass beinahe jede Frau selbst erklären kann, was sie im Moment am meisten stört. Sei es nun die oben genannten zwei Probleme, oder unangenehme Kommentare, sexuelle Belästigung bis hin zu sexueller Gewalt oder vieles andere. Wir haben noch IMMER einige große Baustellen, die, im Vergleich zu den Baustellen, welche unsere VorgängerInnen* bereits großartig bewältigt haben, nicht so groß sind. Aber sie sind für uns einfach ein weiterer Schritt in Richtung Gleichbehandlung aller Geschlechter.

 

Ich habe letzte Woche, als ich in Klagenfurt durch Shops ging, einen Sweater entdeckt. Grundsätzlich finde ich es ganz cool, dass Modeketten wie H&M & Co sich dem Feminismus zuwenden und auch Sprüche wie „Feminist“ oder ähnliches auf ihre Sweater und andere Sachen drucken. Ich glaube, so bekommen viele junge Mädels vor allem ein Gespür dafür, dass Feminismus auch cool sein kann und dass es nichts mit BH-verbrennenden, Männerhassenden Frauen zu tun hat (so einen Ruf hatte der Feminismus nämlich zu meiner Zeit!).

 

Doch die Aufschrift auf diesem Sweater einer Marke, welche ich nicht unbedingt nennen will, machte mich einfach richtig wütend. So Stand auf dem Sweater:

Feminist. noun. terminology that describes a member of the female gender who’s happy to be born a woman, even in a men’s world, after all, a men can’t wear dresses, but a woman can wear the pants, she’s going to be out having the time of her life, there’s nothing that will stop her.

 

Ich wusste nicht, was mich mehr aufgeregt hat. Etwa die Tatsache, dass nur Frauen FeministInnen sein können? Dass eine FeministIn froh ist, dass sie als Frau geboren wurde, weil sie kann ja Hosen UND Kleider tragen? Dass Männer keine Kleider tragen können (anatomisch gesehen spricht ja nichts dagegen!). Oder dass sie, weil sie Kleider UND Hosen tragen kann, jetzt draußen ist, having the time of her life weil nichts und niemand sie stoppen kann? Ich verließ echt wütend das Geschäft (und das muss mal ein Shop schaffen!) und habe meinen Frust auf Instagram kundgetan. Wieso mich das einfach so aufgeregt hat?

 

Der Sweater, dessen Aufschrift und eventuell auch die Marke verkennt den Begriff Feminismus und FeministIn total. Es geht nicht darum, dass eine Frau Hosen und Kleider in einer Männerwelt tragen kann. Es sollte so was von egal sein, ob eine Frau Hosen oder Kleider trägt. Es geht darum, dass es nicht mehr eine Männerwelt sein soll sondern eine Menschenwelt (und ich weiß, wie kitschig sich das anhört!). Es sollte so etwas von egal sein, ob nun eine Frau oder ein Mann regiert, Kleidung entwirft, ein Unternehmen führt etc. Diese Aufschrift negiert dies, denn „even in a men’s world“ sagt nun mal, dass diese Eigenschaften eigentlich den Männern zuzurechnen sind und Frauen froh sein sollen, denn sie können ja Kleider und Hosen tragen.

 

Der Feminismus des 21. Jahrhunderts dreht sich in meinen Augen darum, dass es zu einer vollen Gleichbehandlung beider Geschlechter kommt, total egal, ob nun weiblich, männlich oder anderes. Ich kenne unzählige Männer, die dies sofort unterschreiben würden, ob sie sich selber nun als Feministen bezeichnen oder nicht ist sekundär. Dieser Sweater spricht Männern diese Eigenschaft ab. Jedoch ist es wichtig, dass wir uns ins Gedächtnis rufen, dass wir eine Gleichbehandlung beider Geschlechter nur durch das Zusammenwirken beider Geschlechter erreichen können.

 

Was mich auch noch so gestört hat war einfach dieses „there’s nothing that will stop her“. Mir wurde ehrlich gesagt schlecht, als ich mir ins Gedächtnis rief, dass seit Jahren eine Steigerung bei den Fällen sexueller Gewalt sehen (2017 gab es zwar ein leichtes Minus, doch gerechnet auf den jahrelangen Durchschnitt sehen wir ein großes Plus, näheres kann man im Sicherheitsbericht des BMI nachlesen!). Mir wurde schlecht, als ich mir ins Gedächtnis rief, dass wir in Niederösterreich den wievielten Frauenmord schon haben?! Mir wurde schlecht, als ich daran dachte, wie viele junge Frauen bereits sexuelle Gewalt erfahren müssen. Aber nein, nichts und niemand kann sie stoppen. Nein, denn sie können ja Kleider und Hosen tragen!

 

FeministIn im 21. Jahrhundert zu sein bedeutet für mich somit folgendes: sich dessen bewusst zu sein, dass wir noch einige Baustellen haben, bis Frauen und Männer endlich wieder gleich viel wert sein werden. Nicht ruhig zu sein, wenn es darum geht, dass man aufmuckt, wenn frauenfeindliche Kommentare zu hören sind. Und darauf hinzuweisen, dass nur weil jemand den „Luxus“ hat, sowohl Kleider als auch Hosen zu tragen, dies noch lange nicht bedeutet, dass man alles erreicht hat und jetzt tanzend durch das Leben rennen kann. Denn mal ehrlich, großartige Frauen vor meiner Zeit haben stark darum gekämpft, dass wir Frauen endlich seit 101 Jahren in Österreich wählen dürfen. Deren Errungenschaften möchte ich nicht damit niedermachen, dass jetzt alles happy peppy sei, ich jetzt die Wahl zwischen Hosen und Kleidern habe.

 

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