Wir kämpfen gegen uns selbst – Wie soziale Medien uns Selbsthass lehren

Es gibt nur wenige Tage an denen ich es schaffe, meine inneren Stimmen zu zähmen. Stimmen, die Hass gegen meinen Körper verbreiten. Ich wage es zu behaupten, dass es sehr vielen Frauen und Mädchen in unserer Welt genau gleich geht.

 

Man sagte mir immer, bekämpfe deine Feinde. Doch was, wenn der Feind der eigene Körper ist? Wie soll ich mich von mir selbst distanzieren?

 

Ich erzähle euch heute eine Geschichte über mich, mein Körperbild und wie Instagram es geschafft hat, mich zu brechen.

 

Seitdem ich denken kann, habe ich Probleme mit meinem Körper. Sei es rein gesundheitlich als ich ein Baby war oder psychisch, von Beginn der Pubertät bis heute – Irgendwie habe ich nie so richtig funktioniert. Ich fühlte mich immer unwohl. Habe mich nie wirklich schön oder attraktiv gefunden. Man neigt ja dazu, selbst immer kritischer zu sich zu sein als andere, aber irgendwas gabs immer zu kritisieren. Es hat immer wieder andere Mädels gegeben, die besser ausgesehen haben als ich. Schöner, dünner, hübscher, beliebter – die Liste dieser Adjektive ist unendlich. Schon in der Schulzeit neigte ich dazu mich zu vergleichen und die Beliebten an meiner Schule zu kopieren, weil ich auch so bewundert werden wollte wie sie. Dabei war ich dünn. Ich trug Kleidergröße 34/36, hatte schlanke Beine und ein hübsches Gesicht. Ich konnte es nur nicht sehen. Jetzt, mit 22 sitze ich hier, mit vollen Oberschenkeln und rundem Bauch, und denke täglich an die Zeit zurück, in der ich, wie man heute so schön sagt, „skinny“ war. Ich mache mir unendlich viele Vorwürfe.

 

Ich hätte dankbar sein müssen. Ich hätte mich lieben müssen.

 

Aber ich konnte es nicht und kann es auch jetzt, mit einer Kleidergröße 42 nicht. Immer diesen Vergleich zu damals zu haben zerstört mich. Ich will kaum rausgehen, in der Angst, dass alte Bekannte sehen könnten, wie fett ich geworden bin. Schlimm genug von seiner eigenen Familie zu hören, warum man sich so gehen lässt. Ja, ich könnte wohl Sport machen und abnehmen. Nichtsdestotrotz leide ich an einer Schilddrüsenerkrankung, welche mir unheimliche viele Kilos beschert hat. Doch das soll keine Ausrede sein. Ich habe mich gut genug durchschaut um sagen zu können, dass in mir noch immer eine kleine Rebellin steckt die protestiert. Die sagt „Nein! Ich mache sicher keinen Sport nur weil es jemand anders so will. Ich bleibe absichtlich so, damit ich der Welt zeigen kann, dass ich auch so schön bin.“ Ich wünschte es wäre so einfach und diese Rebellin würde mich dazu bringen mich selbst zu lieben. Aufzustehen und zu schreien „Seht mich an, ich bin dick und trotzdem schön!“ Doch ganz so einfach ist es wohl nicht. Sich selbst zu akzeptieren und lieben zu können ist ein Prozess, der das ganze Leben andauern kann.

 

2017 habe ich mich dazu entschieden, meinen Blog zu veröffentlichen. Ohne feste Vorstellungen, hat er sich heute zu einem kleinem Online Tagebuch entwickelt. Seitdem habe ich täglich mit Internet und Sozialen Medien zu tun. Ich bewege mich oft stundenlang auf Instagram und muss dabei immer wieder feststellen, dass diese ganze Plattform ein abgefuckter, inszenierter Haufen Schei*e ist – geschmückt mit Lichterketten und 1000 Filtern. Es ist eben nicht die Realität oder glaubt ihr wirklich, der Alltag besteht nur mehr aus Fitnessstudio, Unboxings und Acai Bowls? 
Wenn wir solche Medien konsumieren, muss uns bewusst sein, dass wir damit ein Risiko eingehen; und zwar das Risiko sich selbst immer mehr abzulehnen. Habt ihr euch schonmal überlegt, was genau ihr auf dieser Plattform sucht? Mir war es nicht immer ganz so klar wie heute. Jedes mal, wenn ich ein neues Foto poste, werde ich nervös. „Wird es genug Likes bekommen? Sehen meine Beine doch zu dick aus? Mein Gesicht zu rund? Scheiße, ich hätte es nicht posten sollen.“ Jedes. Verdammte. Mal.

 

Unser Drang dazuzugehören ist irrsinnig groß. Wir wollen Anerkennung für unser Äußeres – und bekommen wir es nicht in unserem realen Umfeld, so holen wir es uns im Netz. Es ist ein Teufelskreis, der noch dazu stark abhängig macht.
Wir posten. Sie liken. Wir erfahren innerliche Befriedigung. Wir sehen andere Mädels, die besser aussehen und mehr Likes haben. Wir sind deprimiert und verzweifelt. Wir versuchen das gleiche. Wir bekommen wieder Likes. Wir erfahren wieder innerliche Befriedigung. Doch dann hat eine andere Frau mehr likes. Wir sind wieder deprimiert. Seht ihr was ich meine?

 

Macht euch klar, dass diese virtuelle Welt nichts mit der realen zu tun hat. Vor allem junge Mädchen wissen oft nicht, dass diese vermeintlich spontanen Urlaubsfotos einfach nur gestellt sind, und dass diese Person im echten Leben vielleicht gar nicht so hübsch ist. Denn auf dem Planeten Erde gibt es keine Filter die wir uns eben mal schnell übers Gesicht werfen können.

 

Wir hassen uns. Wir hassen uns, weil wir nicht so aussehen wie diese Frauen auf Instagram. Wir hassen uns, weil wir nicht so dünn sind wie sie. Weil wir nicht solche Lippen haben wie sie. Weil wir nicht diese langen, gesunden Haare haben. Weil wir nicht so schlanke Oberschenkel haben.

 

Ich kann euch jedoch eines versprechen – Ihr werdet euch nicht mehr lieben, wenn ihr endlich dünnere Beine habt, so wie die anderen. Ihr werdet euch nicht schöner finden, wenn ihr euch unters Messer legt, so dass ihr ausseht wie euer Idol. Nein, auch dann werdet ihr in den Spiegel starren, erfüllt von Selbsthass. Denn das Problem ist nicht euer Körper, sondern die Psyche. Unsere Wahrnehmung ist gestört. Wir sind geblendet von Fake Tan, Extensions und Filtern.

 

Was ich damit zum Ausdruck bringen möchte ist, dass wir einsehen müssen, dass unser Körper einzigartig ist. Er wird niemals so aussehen wie der von irgendeiner Fitnessbloggerin. Verabschieden wir uns von diesem Gedanken und holen das bestmöglich aus UNS SELBST heraus. Uns allen steht ein langer Weg bevor. Wann werden wir alle in den Spiegel schauen können und uns über das, was wir dort drinnen sehen, freuen können? Es gibt kein Geheimrezept für unser Wohlbefinden. Keines dieser überteuerten Instagram Beauty Produkten wird uns auf unserem Weg helfen. Nur wir selbst können etwas ändern – und für das ist es nun definitiv Zeit.

 

Viva La Vulva Gastautorin

Lisa-Marie

Lisa-Marie gründete 2017 Ihren Blog styleflight.eu und befindet sich derzeit in den Vorbereitungen für das Studium der Psychotherpiewissenschaft an der SFU Wien. Sie lebt mit Ihrem Verlobten in Voitsberg.

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